Wann willst du in Rente gehen? Und wie willst du das schaffen? // Mein FIRE-Plan

Fahrstuhlknöpfe mit der 45 erleuchtet
Lesezeit: 7 Minuten

Mein Vater ist mit 58 Jahren in Rente gegangen (er selbst würde allerdings auf die Bezeichnung „Privatier“ statt „Rentner“ bestehen). Das ist also so etwas wie ein Minimalziel für mich. Eigentlich möchte ich aber mit 45 Jahren bereits in Rente gehen. Das ist natürlich ambitioniert, vor allen Dingen, weil ich nicht nur für mich alleine plane, sondern für zwei Personen. Was würde es bringen, wenn man mit 45 dann jeden Tag Zeit hat, auszuschlafen und danach alles zu machen, was einem Spaß macht, wenn der Partner aber weiterhin jeden Tag um 7 Uhr aufstehen und weiter „malochen“ gehen muss?

Mein 45. Geburtstag liegt noch in weiter Ferne

Heute bin ich 29 Jahre alt. Also habe ich noch 16 Jahre Zeit genug Geld anzusparen, um von der Rendite danach bis zu meinem Lebensende leben zu können. Die Lebenserwartung liegt heute bei ca. 80 Jahren. Aber das sind Durchschnittswerte, die berücksichtigen, dass auch viele junge Menschen auf Grund von Unfällen oder Krankheiten deutlich früher sterben. Genauer ist die sogenannte „ferne Lebenserwartung 65-jähriger“, die ein statistischer Wert ist, der angibt, wie lange ein heute 65-Jähriger noch leben wird. Der Wert steigt seit Jahren und liegt im Moment (2013/2015) bei ganzen 21 Jahren, also ein Alter von 85+ Jahren statt den durchschnittlichen 80 Jahren!

Wer weiß, wie alt wir werden werden, wenn wir erst einmal alt sind. „Bis zu meinem Lebensende“ kann also von meinem 45. Geburtstag aus gerechnet noch eine verdammt lange Zeit sein! Und wenn man bedankt, dass ich „erst“ mit 24 angefangen habe, Vollzeit zu arbeiten, dann ist FIRE mit 45 Jahren ein doch recht ambitioniertes Ziel.

Wie also soll das funktionieren?

Meine „Investment-Strategie“, wenn man das denn so nennen kann, ist nicht sehr komplex: Ich investiere hauptsächlich in Indexfonds (ETFs) mit geringen Kosten, die alle möglichen regionalen Ausrichtungen abdecken: USA, Deutschland, Europa, APAC, weltweit. Das Wort Strategie habe ich dabei bewusst in Anführungszeichen geschrieben. Denn in der Vergangenheit habe ich meine Investments nicht immer nach einer vorher festgelegten Strategie ausgesucht. Ich besitze zum Beispiel deutlich mehr deutsche Aktien in meinem Portfolio als das in einem ausbalancierten Weltportfolio der reinen Lehre „richtig“ wäre. Dieser Effekt ist in der Wissenschaft bekannt als „Home Bias“ – und dem habe ich früher definitiv unterlegen.

Auch besitze ich von „früher“ noch einige aktiv gemanagte Fonds, bei denen die Kosten natürlich deutlich höher sind als bei ETFs. Ich glaube nicht, dass diese Fonds durch ihr aktives Management wirklich eine bessere Rendite erzielen als die ETFs, die ähnliche Märkte abbilden (z.B. europäische Aktien). Aus diesem Grund investiere ich auch kein Geld mehr in diese Fonds und habe meine Sparpläne entsprechend angepasst. Verkauft bzw. umgeschichtet habe ich die Fonds bisher noch nicht, wahrscheinlich aus Faulheit. Es ist im Prinzip auch erst einmal nichts „falsch“ mit aktiv gemanagten Fonds – man muss sich nur bewusst sein, dass die vermeintlich höhere Rendite (als bei Indexfonds) ggf. durch eindeutig höhere Kosten dann doch wieder reduziert ist. Durchzurechnen, ab welchem Kostenunterschied und Anlagehorizont sich ein Umschichten trotz der Verkaufsgebühren lohnt, hebe ich mir für einen verregneten Wintertag auf.

Meine Maxime: Möglichst wenig Arbeit

„Zeit ist Geld“ – das haben wir bestimmt alle schon einmal gehört. Im Umkehrschluss heißt das speziell für Aktieninvestments auch, dass man mit mehr Zeiteinsatz (Lernen, Vergleichen, Optimieren) auch oft noch mehr Geld herausholen kann, indem man z.B. bei den Kauf- und Verwaltungsgebühren spart. Doch wie überall im Leben sollte man es auch hier nicht übertreiben. Ein Wechsel der Depotbank zu einem Anbieter ohne Depotführungsgebühren dauert wahrscheinlich 2-3 Stunden (Recherche, Antrag ausfüllen, Zugangsdaten per Post erhalten, etc.) und zieht sich über ca. 1-2 Wochen. Wenn man dafür 40€ Depotgebühren im Jahr spart, kann man sich da schon mal zu aufraffen. 6 Stunden zu recherchieren, ob jetzt ETF X (Kosten: 0,09%) oder ETF Y (Kosten 0,1%) wirklich besser sind für die Geldanlage macht aber wahrscheinlich keinen Sinn.

Done is better than perfect

Done is better than perfect

Ich plädiere stark dafür, beim Thema Investieren einfach anzufangen. Bei seiner aktuellen Bank. Auch wenn es da vielleicht Geld kostet ein Aktiendepot zu führen. Hauptsache anfangen: Ein Gefühl bekommen für das Auf und Ab an den Börsen. Die Begriffe verstehen, die Mechanik kennenlernen. Man kann sich dann immer noch weiter voran tasten und immer weiter optimieren. Hin zu einem Onlinebroker ohne Depotführungsgebühren oder einem passenderen Depotmodell bei der eigenen Bank, hin zu ETFs und Fonds, die geringere Gesamtkosten haben. Hin zu einem ausgeglichenen Weltportfolio bzw. einem Portfolio, das genau (und dauerhaft, Stichwort „Rebalancing“) der eigenen Investment-Strategie entspricht. Überhaupt hin zu einer Strategie.

Das sind alles wichtige Schritte auf dem Weg zum erfahrenen Anleger. Aber man muss nicht alles bis ins letzte Detail fertig recherchiert haben, bevor man seine erste Aktie oder ETFs kauft. Diese Angst lähmt und sorgt dafür, dass das Investieren nur ein weitere Aufgabe wird, der man sich in seinem wohlverdienten Feierabend wohl oder übel „stellen muss“. Das macht doch keinen Spaß!

Der scheue deutsche Aktieninvestor

Überhaupt in Aktien zu investieren für die eigene Zukunft ist bereits ein Riesenschritt für viele Deutsche. Nur ca. 15% der Deutschen über 14 Jahren besitzen überhaupt Aktien oder Fonds. Selbst bei den Arbeitnehmern mit hohen Einkommen, wie z.B. leitenden Angestellten, sind es weniger als 2/3 der Deutschen. Früher war das vielleicht noch kein großes Problem, da es auf das Sparbuch oder den Bausparvertrag noch ordentliche Zinsen gab und Lebensversicherungen eine sinnvolle Anlagemöglichkeit für die Rente waren. In Zeiten von Nullzinsen oder sogar Negativzinsen werden Investments an der Börse aber immer wichtiger, um überhaupt noch Rendite zu erzielen.

Alles nur positiv?

Klar, an der Börse geht es auch gerne mal mehrere Jahre hintereinander kräftig bergab. Auch das muss man aushalten können: man darf nicht schlaflos vor Sorge werden um das eigene Geld, wenn es mal bergab geht an der Börse. Deswegen werden Aktien auch nur dann empfohlen, wenn man das investierte Geld mindestens 10 Jahre, besser noch 15 Jahre nicht braucht. Und mit nicht brauchen ist wirklich das gemeint: wer überlegt, vielleicht in fünf Jahren ein Haus zu kaufen, der sollte sein Geld wahrscheinlich nicht zu 100% an der Börse anlegen.

Da ich noch jung bin, d.h. noch einen langen Anlagehorizont habe, ohne Probleme weiter arbeiten kann nach meinem 45. Geburtstag und insgesamt ein sehr gelassener Investor bin, der bereits in jungen Jahren schon gelernt hat, was alles schiefgehen kann (z.B. -75% bei mehreren meiner Aktien), sind für mich Aktien bzw. ETFs momentan die perfekte Geldanlage. Ich habe noch ein paar kleinere Summen in andere Anlagemöglichkeiten investiert (z.B. Peer-to-Peer Kredite), sehe diese aber im Moment nicht als Teil meiner „Strategie“. Ich war neugierig und wollte verstehen, wie diese Anlageklassen funktionieren – habe aber bewusst nur kleine Summen investiert, bei denen ein Totalverlust nicht schmerzen würde. Warum ich nicht in Immobilien investiere bzw. investieren möchte, erkläre ich in einem separaten Artikel.

Investieren + Sparen = 🙂

Sparschwein

Wenn man jeden Monat 100€ sparen kann, wird man leider nur selten Privatier bzw. FIRE. Das heißt nicht, dass es sich nicht lohnt, Geld zu sparen auch wenn man nicht gleich 1000€ pro Monat zum Sparen zusammenbekommt. ETF Sparpläne gibt es schon ab 25€ bzw. 50€. Und jeder gesparte Euro in jungen Jahren hat viel Zeit, sich zu vermehren und damit die Rentenlücke, die uns alle zwangsläufig erwartet, zu schließen.

Für FIRE muss man das Ganze aggressiver angehen

Will man aber in jungen Jahren bereits in Rente gehen, muss man das mit dem Sparen etwas aggressiver angehen. Bei einer Sparquote von 50% des Nettoeinkommens kann man voraussichtlich in unter 20 Jahren aufhören zu arbeiten – vorausgesetzt, a) man erwirtschaftet mit seinem Geld eine Rendite, die deutlich über der Inflationsrate liegt und b) man kommt nicht nur während der Sparphase, sondern dauerhaft mit dem Betrag aus, der nach der 50% Sparquote übrigbleibt. FIRE heißt in den wenigsten Fällen eine RE-Zeit auf großem Fuß. Idealerweise lebt man einfach mit dem gleichen Lebensstandard weiter wie bisher (keine Lifestyle-Inflation!) oder mit geringfügig weniger:

  • Keine teuren Business Klamotten
  • Kein Kantinenessen oder
  • Benzinkosten durch Pendeln
  • Vielleicht sogar ein Umzug in eine günstigere Gegend

bzw. geringfügig mehr. z.B. für längere Urlaubsreisen, für die dann mehr Zeit ist. Je höher das eigene Nettoeinkommen, desto leichter fällt es, mehr zu sparen. Vorausgesetzt, man versucht nicht, überall mitzuhalten, wofür Freunde und Bekannte ihr Geld ausgeben und hütet sich vor der Lifestyle-Inflation.

Lifestyle-Inflation

Nur weil alle Kollegen über einen Wohnungskauf nachdenken, auf die Seychellen in Urlaub fahren, oder sich jetzt Rimowa-Koffer kaufen, muss man das nicht unbedingt auch machen. Wenn der kleine gebrauchte VW Polo, den man sich nach dem Studium von den ersten Gehältern gekauft hat, noch gute Dienste leistet und einen von A nach B bringt – braucht man dann wirklich den neuen Audi Q7, den sich jetzt schon zwei Freunde gekauft haben? Klar, bei Autos geht es selten um „brauchen“, sondern eher um „wollen“. Aber was will ich wirklich? Ständig um den Block fahren müssen, weil alle Parkplätze zu klein sind? Mich jede Woche an der Zapfsäule ärgern, weil einmal Volltanken schon wieder so teuer ist? Bei jeder Doku über den Klimawandel mit meinem schlechten Gewissen kämpfen, weil ich mir doch kein umweltfreundlicheres Auto gekauft habe?

Sportwagen und Privatjet
Mein Haus, mein Auto, mein Privatjet?

Ihr merkt schon, ich bin kein Fan von großen Autos. Aber das heißt nicht, dass das für alle gelten muss. Für manche Menschen kann es genau die richtige Entscheidung sein, sich ein besonders schnelles oder großes Auto zuzulegen. Dann aber aus den richtigen Gründen: Für den Komfort, den Fahrspaß, den praktischen Nutzen, die Freude an der Technik, etc. – nicht für die 5 Minuten Anerkennung der Kollegen und Freunde, wenn man das erste Mal mit dem neuen Schlitten vorfährt oder stolz ein Handyfoto zeigt.

Konsum aus den richtigen Gründen

Bei jeder (Kauf-)Entscheidung sollte man sich fragen: Kaufe ich das jetzt aus den richtigen Gründen? Für mich, weil ich es wirklich haben will? Oder doch eher, um andere zu beeindrucken? Weil ich es für ein Muss oder den Normalzustand halte und „alle anderen“ es auch kaufen?

Als Mensch unterschätzt man massiv, wie stark die eigene Filterblase ist. Fragt man Deutsche, ob sie sich selbst zur Unterschicht, Mittelschicht oder Oberschicht zählen, wird sich so gut wie jeder der Mittelschicht zuordnen. Gemessen am eigenen Umfeld ist diese Einordnung logisch: Wir kennen immer noch jemanden, der reicher ist als wir. Und meist auch jemanden, dem es nicht so gut geht wie uns. Also muss ich ja in der Mitte sein, oder? Wer sein Selbstbild gerne einmal überprüfen will, kann das hier tun.

„Aber die anderen können sich das doch auch leisten?“

Was hat dieses verzerrte Selbstbild mit Lifestyle-Inflation zu tun? Wenn man das eigene Umfeld für den Durchschnitt hält (oder knapp darüber), dann fühlt es sich wie ein (außergewöhnlicher) Verzicht an, etwas anders bzw. nicht zu machen, was „alle anderen“ für normal halten. Dabei ist nachgewiesen, dass man durch Geld nicht langfristig glücklicher wird (jedenfalls nicht, nachdem ein gewisses Basiseinkommen vorhanden ist, mit dem man seine Basisbedürfnisse befriedigen kann). Kurzfristig steigt das eigene Glücksempfinden, aber man gewöhnt sich schnell an den neu hinzugewonnen Luxus, an das neue Niveau. Als ich noch im Studium war und von unter 1000€ gelebt habe, war ich da unglücklich? Und jetzt, mit deutlich mehr Geld, bin ich jetzt glücklicher? Nein, es hat sich nichts geändert an meiner gefühlten Zufriedenheit mit dem Leben. Das rufe ich mir immer wieder in Erinnerung, um mich vor allzu starker Lifestyle-Inflation zu schützen.

Was machst du gegen Lifestyle-Inflation? Welchen Luxus gönnst du dir jetzt, den du dir früher nicht leisten konntest? Wie hattest du dich selbst eingeordnet im Vergleich zum deutschen Durchschnittseinkommen – und stimmte deine Vermutung beim Vergleich mit den statistischen Fakten?

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3 Antworten auf “Wann willst du in Rente gehen? Und wie willst du das schaffen? // Mein FIRE-Plan”

    1. Hallo Robert,
      danke für deinen Kommentar! Wie heißt es so schön: „Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung“? Bei der nächsten Gehaltserhöhung wäre mein Tipp, direkt einen Dauerauftrag einzurichten für (einen Teil oder den gesamten) Nettozuwachs im Einkommen. Denn auch hier gibt es ein deutsches Sprichwort: „Aus den Augen, aus dem Sinn“ 😉

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