Was bedeutet finanzielle Freiheit für dich? // Flexibilität und Freiheit

Freedom in Neonbuchstaben
Lesezeit: 7 Minuten

Der Begriff FIRE – Financially Independent, Retired Early lässt sich auf Deutsch am besten mit finanzieller Unabhängigkeit (von einem Arbeitseinkommen) übersetzen. Oft wird aber auch der Begriff „finanzielle Freiheit“ genutzt. Für mich persönlich sind dies allerdings drei verschiedene Dinge. FIRE ist ein relativ klar umrissener Zeitpunkt und auch eine genaue Beschreibung des Ziels: Nicht mehr arbeiten zu müssen. Finanzielle Unabhängigkeit hingegen kann die Unabhängigkeit vom Arbeitseinkommen beschreiben, aber auch z.B. die finanzielle Unabhängigkeit von den Eltern oder vom Partner. Auch dies ist, je nachdem, welche Unabhängigkeit angestrebt wird, ein ziemlich klar umrissener Zeitpunkt. Im Gegensatz dazu steht für mich die finanzielle Freiheit. Denn Freiheit ist eher ein Gefühl als ein klar definierbarer oder gar mathematisch berechenbarer Moment. Auch wenn die Begriffe oft als Synonyme verwendet werden, möchte ich gerne erklären, warum ich mich heute bereits finanziell frei fühle, obwohl ich noch weit von FIRE entfernt bin.

Wie ist (finanzielle) Freiheit definiert?

Freiheit (lateinisch libertas) wird in der Regel als die Möglichkeit verstanden, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auszuwählen und entscheiden zu können.

Definition aus Wikipedia

Wenn Freiheit bedeutet, zwischen verschiedenen Optionen ohne Zwang wählen zu können, dann bedeutet finanzielle Freiheit, dass Geld bei der Entscheidung für oder gegen eine Option tatsächlich keine Rolle spielt. Daher gibt es finanzielle Freiheit sowohl im Kleinen als auch bei großen Entscheidungen.

Freiheitsstatue
Die englische Sprache kennt zwei Arten von Freiheit: einerseits die innere Freiheit zu denken, zu fühlen und auch so zu handeln, wie man möchte (freedom) und die äußere Freiheit, in seinem Handeln keinen Zwängen zu unterliegen (liberty). Oft werden die beiden Begriffe aber auch komplett synonym verwendet.

Kleine Freiheit

Einen Aspekt meiner finanziellen Freiheit habe ich schnell nach dem Berufseinstieg spüren können. Beim Einkaufen achte ich seitdem nicht mehr wirklich auf die Preise. Ich bin einer dieser Menschen, der nicht wirklich genau weiß, was ein Liter Milch oder ein Stück Butter kostet. Denn ich weiß, dass ich zum Glück nicht so genau auf mein Budget für Lebensmittel schauen muss. Das ist für mich bereits ein Luxus, den man nicht unterschätzen sollte. Denn viele Deutsche müssen sehr viel genauer rechnen, damit am Ende des Monats nicht der Kühlschrank leer bleibt.

Die Freiheit, so konsumieren zu können, wie ich es möchte

Für mich ist das bereits eine kleine finanzielle Freiheit, dass ich so konsumieren kann, wie ich das möchte. Ich kann beim Kauf von Lebensmitteln und anderen Produkten auf meine Werte und dazu passende Qualität achten. Landläufig wird Reichtum mit hohen Ausgaben gleichgesetzt.

Einen Millionär stellt man sich so vor: Großes Haus, teure Autos, teure Uhren, vielleicht sogar eine eigene Yacht. Dabei hat Reichtum für mich viel mehr mit Wahlfreiheit im Konsum als mit der schieren Menge an Konsum zu tun. Nur weil etwas teuer verkauft wird, ist es nicht bereits zwingend besser oder von höherer Qualität. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich etwas kaufen muss, um mit meinen Freunden „mithalten“ zu können, dann unterliege ich doch einem Zwang und bin damit gerade nicht mehr frei. Wie viel Geld ich habe, wäre in so einem Fall egal. Freiheit ist ein psychologischer Zustand, ein Gefühl, keine Summe auf dem Konto.

Rundum zufrieden

Ich bin mit meinem aktuellen Level und der Qualität meines Konsums sehr zufrieden. Es gibt nichts, was ich haben wollen würde, was ich mir aktuell nicht leisten kann. Zum glücklich sein brauche ich persönlich keine Designer-Kleidung oder sonstigen vermeintlichen Luxus. Gefällt mir ein teures Kleidungsstück besonders gut, kann ich es mir trotzdem leisten. Ich bin aber ehrlicherweise gar nicht so der Shopping-Fan. Und für die meisten Designer habe ich sowieso nicht die richtige Figur 😉 Meine persönliche Vorstellung von Luxus ist vor allen Dingen gutes Essen und ein leckerer Wein und schöne, entspannende Urlaubsreisen. Und für diese Dinge habe ich bereits sehr viel Geld ausgegeben, eben weil es meine persönliche Lebenszufriedenheit erhöht.

In meinem FIRE-Plan rechne ich daher auch zukünftig mit ziemlich dem gleichen Ausgabenniveau wie aktuell. Mehr brauche ich nicht zum Leben. Weniger würde sich gegebenenfalls wie eine Einschränkung anfühlen. Wobei ich mir sicher bin, dass man auch mit deutlich weniger Geld, wie ich es aktuell zur Verfügung habe, absolut glücklich sein kann. Früher mit Studentenbudget war ich genauso zufrieden mit meinem Leben wie jetzt. Wenn sich allerdings erst einmal die Lifestyle-Inflation eingeschlichen hat, ist es schwieriger, sein Konsumlevel herunterzuschrauben.

Mann vor Sonnenuntergang
Wenn man Stockphotos glaubt, kann man echte Freiheit nur mit seitlich ausgestreckten Armen empfinden.

Große Freiheit

Wer von finanzieller Freiheit spricht, meint allerdings meistens nicht diese kleine Freiheit des alltäglichen Konsums oder den Traumurlaub. Meist geht es eher um die fundamentale Frage, ob man darauf angewiesen ist, täglich arbeiten zu gehen, um sich seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Meist wird auf Blogs oder in Büchern die Drohkulisse von einem „Job, den du hasst“ oder dem „Hamsterrad“ aufgebaut.

Natürlich bin ich noch nicht an dem Punkt angekommen, wo ich gar nicht mehr auf mein Arbeitseinkommen angewiesen bin. Aber gleichzeitig bin ich in einem gewissen Rahmen auch ziemlich frei in meinen beruflichen Wahlmöglichkeiten.

Erstmal zu den Grundvoraussetzungen: Ich habe eine gute Ausbildung, mit der mir viele Türen offen stehen und inzwischen ca. 6 Jahre Berufserfahrung in strategischen Fragestellungen der Finanzindustrie und als Projektleiter. Ich kann mich extrem schnell in neue Themen einarbeiten und habe Interesse an einer großen Menge an Themen.

Dazu kommen meine aktuellen finanziellen Voraussetzungen: Da Christoph und ich gerade (fast) Coast FI erreicht haben bzw. erfolgreich unsere Rentenlücke geschlossen haben, brauchen wir ab jetzt theoretisch nicht weiter für das Rentenalter zu sparen. Unser Plan ist das natürlich nicht, denn wir wollen gerne mit 45 Jahren FIRE erreichen, also aufhören zu arbeiten und „in Rente gehen“. Bis dahin planen wir, beide Vollzeit zu arbeiten. Denn entgegen des weit verbreiteten Klischees ist es nicht so, dass wir unsere Jobs hassen.

Und wenn es anders kommt?

Was theoretisch möglich wäre

Gerade dadurch, dass wir schon einiges angespart haben, haben wir uns bereits eine gewisse finanzielle Freiheit in Bezug auf unseren Beruf erarbeitet. Wir sind ab jetzt nicht mehr gezwungen, Vollzeit zu arbeiten. Denn unseren aktuellen Lebensstandard könnten wir uns auch leisten, wenn ich nur noch 75% meines aktuellen Gehalts verdienen würde und Christoph gar nicht mehr arbeiten würde. Oder wir beide auf 50% gehen würden. Jetzt ist das natürlich nur ein theoretisches Gedankenspiel, denn insbesondere meinen Job könnte ich nicht nur mit 50% der Arbeitszeit durchführen. Da würde mein Arbeitgeber aus absolut nachvollziehbaren Gründen nicht mitspielen. Außerdem würde dieses Szenario auch bedeuten, dass wir bis zum offiziellen Rentenalter weiterarbeiten müssten und kein Jahr früher in Rente gehen könnten.

Was bringen solche hypothetischen Gedankenspiele dann überhaupt?

Auch wenn ich einen klaren Plan habe, ist es immer etwas wert, mehr Optionen zu haben. Denn man weiß nie, wie das Leben sich entwickelt. Sollte einer von uns doch einmal unglücklich in seinem Job sein, könnten wir die drei Monate Verdienstausfall bis das Arbeitslosengeld bei Eigenkündigung beginnt, ohne Probleme aus Ersparnissen finanzieren. Sollte einer von uns schwer und lange krank werden und das Krankengeld der Krankenversicherung auslaufen oder nicht ausreichen, auch dann könnten wir die finanzielle Lücke aus unseren Ersparnissen schließen. Und selbst wenn es eine große Katastrophe gäbe und wir beide gleichzeitig kein Geld mehr verdienen würden, dann könnten wir mit unseren aktuellen Ersparnissen ohne Arbeitslosengeld über fünf Jahre lang normal weiterleben. Es muss ja auch nicht immer etwas schlimmes passieren: Falls uns also einmal das Weltreise-Fieber packt, könnten wir kündigen und jahrelang durch die Welt reisen, bevor wir wieder einen Job annehmen müssten, um Geld zu verdienen.

Optionswert

Auch wenn ich absolut nicht vorhabe, diese Möglichkeiten zu nutzen, ist es für mich trotzdem sehr wertvoll, Optionen zu haben. Gerade falls meine Familie einmal Hilfe brauchen würde, könnte ich zur Stelle sein: sei es mit finanzieller oder tatkräftiger Unterstützung. Diese Option zu haben und dabei wenigstens keine Geldsorgen haben zu müssen, ist ein sehr wertvolles Gut.

Opa mit Baby
Wenn die ältere Generation bei der Kindererziehung unterstützen kann, super! Oft klappt das aber nicht so, wie sich das zukünftige Eltern mal ausgemalt haben.

Oft wird in den Medien darüber gesprochen, dass die sogenannte Sandwich-Generation, die sich sowohl um pflegebedürftige ältere Familienmitglieder als auch um die Erziehung von Kindern unter 18 kümmern, nicht nur emotional, sondern auch finanziell zwischen Erziehung, Pflege und Beruf aufgerieben wird. Doch wer hat schon die finanziellen Möglichkeiten, wenigstens den Erwerbsberuf für einige Monate oder Jahre zu pausieren, wenn Angehörige Hilfe brauchen? Ich bin sehr froh darum, diese Möglichkeit zu haben. Dann verschiebe ich meinen geplanten Renteneintritt eben ein paar Jahre nach hinten. Es gibt wichtigeres im Leben als FIRE mit 45.

Die Freiheit, die Wahl zu haben

Auch wenn ich noch sehr weit weg bin von meiner „FIRE-Zahl“ und somit von vollständiger finanzieller Freiheit, so habe ich inzwischen bereits einen Zustand erreicht, der sich für mich extrem frei anfühlt. Allen Eventualitäten des Lebens, die ich mir im Moment vorstellen kann, sehe ich mich gut gewappnet gegenüber. Dieses Gefühl der Freiheit ist, gepaart mit der kleinen Freiheit, so konsumieren zu können, wie ich mir das vorstelle, wirklich viel Wert. Auch wenn ich weder die „perfekte“ finanzielle Freiheit noch das Klischee-Millionärsleben lebe, bin ich sehr glücklich und zufrieden mit meinem Leben.

Was heißt finanzielle Freiheit für dich? Welche Wahlmöglichkeiten hättest du gerne, die du dir aktuell noch nicht leisten kannst? Welche (finanziellen) Zwänge bist du schon erfolgreich losgeworden?

2 Replies to “Was bedeutet finanzielle Freiheit für dich? // Flexibilität und Freiheit”

  1. Hallo! Freiheit bedeutet für mich vor allem Zeit. Zeit, zu entscheiden, wann man was und mit wem tut. Zu der Freiheit gehört zwar mehr als die finanzielle Komponente, aber sie ist definitiv eine wichtige. LG
    Tobias

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.