Brauchen Frauen andere Finanzprodukte? // Private Altersvorsorge für Frauen

Pinkes Sparschwein
Lesezeit: 6 Minuten

Anlässlich des Weltfrauentags (8. März) wird es wieder viele Angebote speziell für Frauen geben – z.B. Kurse, Veranstaltungen und vielleicht sogar Rabatt auf bestimmte Produkte. Frauen als Zielgruppe haben die Marketing-Spezialisten schon lange entdeckt: Es gibt Frauenliteratur, Autos speziell für eine weibliche Zielgruppe und sogar pinke Akkuschrauber. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Oliver Wyman hat die Finanzindustrie das Potential von Frauen als Kunden bisher noch nicht komplett erkannt. Doch braucht es wirklich ein Konto speziell für Frauen? Oder etwa einen pinken ETF-Sparplan?

Brauchen Frauen andere Finanzprodukte?

Prinzipiell brauchen Frauen und Männer die gleichen Finanzprodukte, um ihren Alltag zu bewältigen (z.B. Girokonto, Girokarte) und für das Alter vorzusorgen (z.B. Depot, ETF-Sparpläne, Versicherungen). Da braucht es auch keine „Pinkification“, kein Rosa-Anmalen des gleichen Produkts. Allerdings unterscheidet sich der Bedarf nach diesen Finanzprodukten zwischen Frauen und Männern auf Grund der unterschiedlichen Lebenssituation zum Teil doch recht deutlich. Dies zeigt sich besonders deutlich beim Thema private Altersvorsorge.

Pinke Früchte
Auch so kann Pinkification aussehen

Was unterscheidet Männer und Frauen in Bezug auf ihre private Altersvorsorge?

Lebenserwartung

Zunächst einmal werden Frauen statistisch gesehen deutlich älter als Männer. Weibliche Babys haben heute eine Lebenswartung von ca. 84 Jahren während männliche Babys nur mit durchschnittlich 79 Jahren rechnen können. Daher haben Frauen auch einen höheren Kapitalbedarf für ihre private Altersvorsorge. Denn wenn ein Mann und eine Frau beide mit 67 Jahren in Rente gehen, muss das Geld der Frau statistisch gesehen 5 Jahre länger halten.

Jahre im Berufsleben

Während Männer früher durch den verpflichtenden Wehrdienst oder Zivildienst oft erst ein oder zwei Jahre später ins Studium und damit auch in den Beruf starten konnten, sind heute die Bedingungen in dieser Hinsicht ausgeglichen. Ich konnte allerdings keine belastbare Statistik zum durchschnittlichen Alter beim Berufseinstieg nach Geschlecht finden. Schaut man sich an, wie lange deutsche Studierende durchschnittlich brauchen, bis sie ihren Abschluss erreichen, sieht man kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Frauen sind hier im Schnitt 0,1-0,2 Semester schneller als ihre männlichen Kommilitonen. Das fällt also kaum ins Gewicht.

Auch das Renteneinstiegsalter unterscheidet sich kaum: Auch hier liegt der Unterschied zwischen den Geschlechtern gerade einmal bei 1 – 2 Monaten.

Rentenjahre

Gehen wir also einmal davon aus, dass Männer und Frauen ungefähr gleichzeitig anfangen und auch wieder aufhören zu arbeiten. Trotzdem gibt es Unterschiede bei der Anzahl Jahre, die Männer und Frauen in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben (zumindest in den „alten Bundesländern“). Je nachdem, welche Altergruppe man sich anschaut, sind es bei Frauen bis zu 2 Jahren weniger Einzahlungen. Dies liegt vor allen Dingen daran, dass Frauen ihren Beruf im Laufe ihres Lebens länger als Männer für die Kindererziehung oder auch Pflege Angehöriger aussetzen. Dementsprechend fällt die durchschnittliche Rente von Frauen deutlich geringer aus als die von Männern.

Lohnunterschiede

Doch Frauen arbeiten nicht nur insgesamt weniger lange als Männer im Angestelltenverhältnis (und zahlen daher weniger in die gesetzliche Rentenversicherung ein und bekommen weniger heraus), sondern verdienen dabei auch weniger. Dieser „Gender Pay Gap“ liegt nicht nur daran, dass Frauen besonders häufig in Berufen und Branchen arbeiten, die schlechter bezahlt sind. Selbst bei genau gleicher Qualifikation und Aufgaben werden Frauen in vielen Unternehmen schlechter bezahlt als ihre männlichen Teamkollegen.

Durch diese Einkommens- und Gehaltsunterschiede zahlen Frauen nicht nur weniger Geld in die gesetzliche Rentenversicherung ein, sondern haben auch weniger frei verfügbares Geld, das sie für ihre private Altersvorsorge, z.B. mit ETF-Sparplänen, nutzen können.

War’s das?

Pink vibes only

Gehen wir mal als Gedankenspiel von einer „Power-Frau“ aus, die

  • In einer gut zahlenden Branche arbeitet
  • Genauso viel (oder mehr) als ihre männlichen Kollegen verdient
  • Nicht (mehr als ihr Partner) aussetzt für die Kindererziehung

Das „Problem“ mit der längeren Lebenserwartung bleibt trotzdem. Dazu kommt, dass das Leben als Frau manchmal auch mit anderen Kosten verbunden ist als für Männer.

Brauchen Frauen mehr Geld zum Leben?

Manchmal ist das Leben als Frau günstiger als für Männer: Biologisch gesehen benötigen Frauen z.B. im Durchschnitt auf Grund ihrer geringeren Körpergröße und damit Muskelmasse etwas weniger Essen als Männer. Was frau hier spart, hat sie aber an Mehrkosten für Tampons, Binden, etc. Im Laufe des Lebens kommen hier nach einer britischen Studie ca. 20.000€ zusammen, eine amerikanische Studie schätzt die Kosten auf etwa 15.000€. Die Studien haben einige Posten mit eingerechnet (wie Schokolade), die jetzt nicht unbedingt direkt biologisch begründet sind. Einige Tausend Euro werden hier aber wohl zusammenkommen.

Die gerade gesenkte deutsche Mehrwertsteuer (von 19% auf 7%) auf Menustrationsprodukte wollten einige Hersteller und Händler anscheinend direkt nutzen, um die Preise wieder zu erhöhen – bisher sind sie damit allerdings nicht duchgekommen. Zu den Kosten der Menstruationsprodukte kommen die Kosten für Verhütungsmittel wie die Pille oder Spirale, die häufig von Frauen alleine getragen werden, ohne dass sich der Partner an den Kosten beteiligt.

Ansonsten brauchen Frauen und Männer im Kern die gleichen Dinge: Ein Dach über dem Kopf, Kleidung am Leib und hier und da ein bisschen Spaß und Freude. Trotzdem sind die Kosten der allgemeinen Lebenshaltung keineswegs gleich für beide Geschlechter.

Zwar wurden 2012 per Gesetz die unterschiedlichen Versicherungsprämien für Männer und Frauen abgeschafft – hier herrscht jetzt finanzielle Gleichberechtigung. Viele Unternehmen nutzen aber weiterhin geschicktes Produktdesign und Marketing, um spezielle auf Frauen ausgerichtete Produkte zu verkaufen, die teurer sind als ihre gleichwertigen bzw. vergleichbaren Männerprodukte (z.B. Rasierklingen). Nur in wenigen Ausnahmefällen (z.B. Singlebörsen, Club-Eintritt) kommen Frauen billiger weg als Männer. Dieses Phänomen nennt man „Pink Tax“.

Pinker Laptop
Inzwischen gibt es echt viele Produkte in einer Frauen-Variante.

Eine gesamthafte Quantifizierung des Effekts für Deutschland ist methodisch sehr schwierig. Die allermeisten Produkte und Dienstleistungen werden gar nicht in einer „Frauen-Variante“ und einer „Männer-Variante“ angeboten. Und wenn es beide Varianten gibt, sind diese nicht unbedingt miteinander vergleichbar (z.B. auf Grund unterschiedlicher Inhaltsstoffe, Herstellungskosten, etc.), sodass es schwer ist, die Preise zu vergleichen.

Eine sehr ausführliche Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat allerdings insbesondere bei Dienstleistungen eine hohe „Pink Tax“ festgestellt. Wenn es eine speziell auf Frauen zugeschnittene Dienstleistung gab, war diese in 50% der Fälle teurer als die vergleichbare Dienstleistung für Männer, und zwar um 13,80€. Männer mussten für vergleichbare Dienstleistung nur in 9% der Fälle mehr bezahlen, im Schnitt 7,50€. Für einzelne Produkte, wie z.B. manche Arten von Kinderspielzeug, sind die Preisunterschiede für vergleichbare Produkte nur auf Grund der Mädchen-/Jungen-Ausrichtung teilweise enorm (+200-300%).

Die gefühlten Unterschiede können also groß sein, auch wenn der rechnerische Effekt auf die Gesamtkosten des Lebens vielleicht kleiner ist als oft in Zeitungsartikeln geschrieben wird. Ob das Leben insgesamt teurer ist als Frau kommt sicherlich aber auch auf die eigenen Konsumpräferenzen an: Kaufe ich gerne Luxuskosmetika oder Markenklamotten? Finde ich das pinke Design oder die blaue Ausgabe des Produkts ansprechender? Beide Fragen können sowohl Männer als auch Frauen mit „Ja“ beantworten.

Mann mit rosa Hemd
Auch Männer können in rosa eine gute Figur machen.

Einige Studien zum Thema Pink Tax bringen noch ein soziologisches Argument mit ein in die Diskussion: Höhere Lebenshaltungskosten seien weniger auf Preisunterschiede zwischen den Geschlechtern zurückzuführen, sondern eher auf die Kosten, die Frauen entstehen, um den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Der großen Resonanz auf das kürzlich veröffentlichte „Be a lady“-Video nach zu urteilen ist das Argument wohl nicht ganz von der Hand zu weisen.

Okay, was heißt das jetzt für die Finanzen von Frauen?

Für Frauen ist das Thema private Altersvorsorge besonders relevant, auf Grund der…

  • Längeren Lebenserwartung nach Renteneintritt
  • Ggf. kürzeren Sparphase durch unterbrochene Erwerbsbiographien
  • Vielleicht geringeren Einkommen während des Arbeitslebens und damit verbundenen geringeren Ansprüchen aus der gesetzlichen Rentenversicherung sowie des kleineren finanziellen Spielraums für die private Altersvorsorge
  • Und der möglicherweise höheren Lebenshaltungskosten

Sie brauchen daher zwar nicht unbedingt andere, neue oder pinke Finanzprodukte. Aber der Produktmix muss für Frauen anders aussehen, da es für sie umso wichtiger ist, eine hohe Rendite zu erzielen, um sich genug Kapitalvermögen für die (längere) Rentenphase anzusparen.

Zudem passen Produkte mit höherer Flexibilität besser zu Frauen, deren Lebens- und Finanzsituation sich im Laufe ihres Lebens häufiger ändert, z.B. durch Elternzeit und andere Kindererziehungszeiten. Versicherungsprodukte mit festen Raten pro Monat, die man nicht anpassen kann, sind da deutlich weniger geeignet als ein selbst-verwalteter ETF-Sparplan, der mit wenig Aufwand reduziert, erhöht oder sogar temporär ausgesetzt werden kann.

Neue Finanzprodukte für Frauen

Dementsprechend braucht es vielleicht doch neue und andere Finanzprodukte, die Frauen mehr Flexibilität bieten und gleichzeitig eine höhere Rendite bringen. Hohe Renditen sind allerdings immer mit höherem Risiko verbunden. Daher ist es wichtig, dass es für Frauen spezielle Bildungs- und Beratungsangebote gibt, die erklären, welche Risiken es gibt und auch aufzeigen, wie man mit ihnen umgehen lernt. Seine normalen Produkte pink anzustreichen reicht dann aber nicht aus.

Wünscht ihr euch spezielle Finanzprodukte für Frauen? Welche Bedürfnisse müssten diese erfüllen, die heute durch existierende Produkte noch nicht (gut) erfüllt sind? Wie ist deine Meinung zu der These, dass Frauen höhere Lebenshaltungskosten haben? Empfindest du das so oder eher andersherum?

2 Replies to “Brauchen Frauen andere Finanzprodukte? // Private Altersvorsorge für Frauen”

  1. Ich würde zu den Ausgaben noch höhere (als bei den Männern) Transportkosten rechnen: Aus Sicherheitsgründen nutze ich deutlich öfter die öffentlichen Verkehrsmittel, Taxi oder Uber, als meine männlichen Freunde.

    1. Hallo Sonia,

      danke für deine Ergänzung! Das kann ich persönlich und durch Freunde auch nachvollziehen. Ein Taxi fühlt sich tatsächlich manchmal sicherer an als mit einem Haufen gröhlender Menschen an der Haltestelle auf den Bus zu warten.

      Viele Grüße
      Jenni

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