Welchen Einfluss hat Corona auf deine Finanzen? (Teil 2) // FIRE und Ungeduld

Ungeduld
Lesezeit: 6 Minuten

Am Anfang des ersten Lockdowns, Ende März 2020, habe ich bereits einmal über den Einfluss von Corona auf meine Finanzen geschrieben. Wie sieht es jetzt, über ein Jahr später, aus? Eigentlich hat sich nichts an meiner Situation geändert. Ich war die ganze Zeit seit Ausbruch der Corona-Pandemie nicht durch Einkommenseinbußen auf Grund von Kurzarbeit betroffen, mein Job ist weiterhin so sicher wie es nur geht und verkauft habe ich auch nichts aus meinem Depot. Wäre auch keine gute Idee gewesen, denn die Aktienkurse haben sich nach dem initialen Schock im März 2020 alle erstaunlich schnell wieder erholt. 2020 konnte ich dann sogar mit einer durchschnittlichen Rendite von ca. 10% abschließen.

Zwischenstand 2021

Auch 2021 sieht wieder recht gut aus. Mein ING Depot, das ich deutlich häufiger anschaue als mein Onvista-Depot ist seit Jahresanfang schon 10% im Plus. All diese Buchgewinne wurden im ersten Quartal erreicht. Seit Ende März tritt das Depot mehr oder weniger auf der Stelle. Ich weiß: Es kann nicht immer nur steil nach oben gehen. Wie schnell die Aktienkurse stark fallen können, hat gerade der März 2020 gezeigt. Daher ist Stillstand im Depot auf jeden Fall schon einmal besser als sinkende Kurse.

Langer Zeithorizont und Ungeduld

Trotzdem empfinde ich derzeit eine gewisse Ungeduld. Ich habe aktuell kein perfektes, super entspanntes Verhältnis zu meinem FIRE-Plan. Darüber wollte ich heute kurz berichten, denn auch solche Phasen gehören dazu, Ehrlichkeit ist mir als Finanzblogger besonders wichtig. Ich wünsche mir aktuell mehr als in anderen Phasen, dass ich noch schneller bei FIRE ankommen würde. Woher diese Ungeduld kommt? Ich weiß es nicht ganz genau, vermute aber, dass es auch ein bisschen mit der aktuellen Situation zu tun hat. Bei meinem geplanten Renteneintritt mit 45 Jahren werde ich ca. 50% älter sein als ich heute bin. Also noch eine ganz schön lange Zeit! Und wer weiß schon, was in den Jahren bis dahin noch alles passieren wird?

Die „Post-Corona-Welt“: Ist derzeit alles ist im Umbruch?

Über nichts wird derzeit in den Medien, im Internet und im Freundeskreis mehr gesprochen als über all die Veränderungen, die sich durch und/oder nach Corona möglicherweise ergeben werden. Dass viele Arbeitnehmer in Zukunft weiterhin deutlich mehr von Zuhause aus arbeiten werden, zeichnet sich bereits ab.

Immobilienmarkt

Was bedeutet das für den Immobilienmarkt? Sinken die Preise, weil Menschen sich durch weniger Pendelei jetzt (zu)trauen, weiter entfernt von ihrem Arbeitsplatz zu wohnen und daher aus den gefragten Städten wegziehen? Oder steigen die Preise, weil mehr Menschen ein oder sogar zwei Zusatzzimmer brauchen, um ihr Home Office endlich nicht mehr am Esstisch aufschlagen zu müssen?

Sicherlich werden sich diese Effekte regional sehr unterschiedlich auswirken und gegebenenfalls sogar gegenseitig aufheben. Wer wirklich vollständig remote arbeiten kann (und nicht nur für 2-3 Home Office Tage die Woche ), der kann theoretisch auch in deutlich günstigere Gegenden oder sogar ins Ausland ziehen. Doch was heißt das wiederum für den Arbeitsmarkt?

Arbeitsmarkt

Wenn ich als Arbeitgeber tatsächlich auf vollständiges Remote Arbeiten setze, warum muss ich dann – in der Erweiterung dieses Gedankens – überhaupt noch „teure“ deutsche Arbeitnehmer anstellen? Stattdessen kann ich mein Recruiting (entsprechende Sprach- und Fachkenntnisse vorausgesetzt) bei so einem System auf die ganze Welt ausdehnen. Wird der Wunsch nach vollständig ortsunabhängigen Arbeitsmodellen also für einige Deutsche eher zu einer Milchmädchenrechnung werden?

Tourismus & Hotellerie

Der Arbeitsmarkt wird durch die veränderten Arbeitsgewohnheiten auf jeden Fall betroffen sein, insbesondere beim Thema Reisen. Denn Dienstreisen werden in Zukunft sicherlich nicht mehr so intensiv genutzt werden wie noch vor der Pandemie. Gleichzeitig kann ich mir auch gut vorstellen, dass es doch wieder mehr Tagungen und Firmenevents gibt, da gerade bei über ganz Deutschland verteilten Teams, die sich nicht mehr täglich im Büro sehen, der Wunsch nach persönlichem Austausch eher zu- als abnimmt. Tagungshotels könnten also je nach Ausrichtung und zukünftiger Entwicklung sowohl positiv als auch negativ betroffen sein. Klassische Business Hotels, die nur die Übernachtung, aber keine guten Konferenzmöglichkeiten anbieten, werden wohl eher weniger profitieren, genauso wie die Veranstalter von Linienflügen montags morgens. Andersherum kann es sein, dass uns alle nach der Pandemie dauerhaft die Reiselust packt und Fluggesellschaften durch vermehrten Tourismus wiederum profitieren.

Vielleicht reisen wir aber auch vermehrt im eigenen Land, statt in die Ferne zu fliegen. Denn dass auch Urlaub in Deutschland schön sein kann, haben viele Menschen für sich 2020 wieder entdeckt. All diese in und nach der Pandemie betroffenen Branchen sind recht relevante Arbeitgeber, sodass sich der Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren zwangsläufig etwas verschieben wird. Wie genau sich die Dinge entwickeln werden, ist derzeit noch schwer abzusehen.

Schloss Neuschwanstein
Da fahre ich vielleicht in den nächsten Tagen auch noch hin 🙂

Die großen Fragen des Lebens

Denn viel hängt davon ab, was wir eigentlich wollen:

  • Wie wollen wir arbeiten und was?
    • Vollständig remote oder doch hauptsächlich wieder im Büro?
    • Welche Rolle spielen Dienstreisen, Konferenzen, Messen und andere persönliche Treffen in Zukunft?
    • Welche (gesellschaftlichen) Sinn und Wert hat meine Arbeit – und brauche ich diesen, um glücklich zu sein?
  • Wie wollen wir wohnen und wo?
    • Welche Mehrwerte bringt mir persönlich das Leben in der Stadt bzw. auf dem Land?
    • Wie viel Platz brauche ich wirklich?
    • Wie viel Pendelei kann ich ohne Verlust von zu viel Lebensqualität ertragen?

Ich glaube, dass über diese „großen Fragen des Lebens“ gerade viele Menschen nachdenken. Manches konnte man vor der Pandemie gar nicht wirklich frei entscheiden, zum Beispiel wenn der Wohnort zwingend in gewisser (Pendel-)Nähe zum Arbeitsplatz sein musste. Manches hätte man vielleicht freier entscheiden können, hat sich aber die Frage einfach nie wirklich gestellt, da der Status quo ungefragt als Standard akzeptiert wurde. Eine Krise wie diese Pandemie ist daher auch immer eine Chance für neue Gedanken und andere Entscheidungen.

Meine persönlichen Fragen und Antworten

Für mich persönlich kann ich mir 100% remote arbeiten ohne den persönlichen Kontakt zu den Kollegen zum Beispiel nicht vorstellen. Daher kann ich mir auch nicht vorstellen, weit „raus auf’s Land“, weg von meinem Büro, zu ziehen. Für mich hat die Stadt zudem als Wohnort viele Vorteile, die gar nichts mit dem Arbeitsplatz zu tun haben. Ich liebe insbesondere das breite Angebot an Restaurants und Bars. Und gerade daher befinde ich mich momentan auch in einer kleinen Sinnkrise.

Denn all diese tollen Angebote, die mir die Stadt bietet, kann ich jetzt schon seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr nutzen. Für dauerhaftes Home Office von zwei Personen ist unsere 65qm Wohnung auch nicht wirklich geeignet. Einzelne entfernte Bekannte sind tatsächlich auch schon umgezogen, in günstigere Städte und größere, Home-Office-geeignete Wohnungen. Da die Miete ca. 40% unseres derzeitigen Budgets ausmacht, würde uns ein Umzug in eine günstigere Stadt/Wohnung finanziell gesehen FIRE ein ganzes Stück näherbringen. Doch eigentlich war ich vor der Corona-Pandemie mit unserer aktuellen Wohnung sehr glücklich, warum sollte sich das jetzt verändert haben?

Christoph hat mir bei meiner derzeitigen Ungeduld in dieser Thematik sehr geholfen, in dem er mich quasi an meine eigenen Ratschläge erinnert hat: „Denk an dein Investment-Manifest! Denk an all die Gründe, warum du gerne in der Stadt lebst.“ Er hat absolut recht! Denn die Vorteile, die Restaurants und das Stadtleben, sind ja nicht weg, sondern aktuell nur temporär nicht verfügbar. Mit der Öffnung der Außengastronomie in den meisten Teilen Deutschlands ist auch Licht am Ende des langen Tunnels sichtbar. Jetzt muss nur noch das Wetter mitspielen, sodass wir die wiedergewonnenen Freiheiten auch wirklich genießen können.

Ausblick

Ich hoffe, dass ich im Laufe des Sommers, wenn sich die allgemeine Situation wieder verbessert, auch wieder weniger Ungeduld spüren werde. Natürlich würde ich gerne so schnell wie möglich FIRE erreichen. Aber ich weiß auch, dass das nicht von heute auf morgen funktioniert. Mit 45 Jahren in Rente zu gehen, also ca. 25 Jahre vor dem dann voraussichtlichen Renten-Standardalter, ist ein großes Ziel. Dafür muss ich auf Grund meiner passiven Investmentstrategie kaum etwas tun, außer eben geduldig zu sein.

Eine vollständige Rückkehr zur Situation vor der Pandemie, d.h. 100% Büro-Anwesenheitsquote in allen Berufen und Branchen, erwarte ich persönlich nicht. Allerdings bin ich auch nicht überzeugt, dass uns eine große gesellschaftliche Veränderung bevorsteht, wie es aktuell manche „Zukunftsforscher“ propagieren. Die meisten Deutschen sind doch immer noch recht risikoavers. Und bevor Alman-Achim seine ganze Familie nimmt, um in die wunderschöne und günstige Uckermark umzuziehen und von dort nur noch remote zu arbeiten, wartet er vielleicht doch noch mal ein, zwei Jahre ab, wie sich die Arbeitswelt verändert. Und dann ist vielleicht auch wieder der initiale Elan der aktuellen Alles-ist-möglich-post-Corona-Zeit verflogen.

Worauf freust du dich „post Corona“? Willst du etwas ändern in deinem Leben? Umziehen? Den Job wechseln? Alles ganz anders machen? Oder bist du einfach froh, wenn alles wieder „wie vorher“ ist? Bist du begeistert vom Home Office oder freust du dich darauf, wieder ins Büro zurück zu können? Bist du aktuell schon wieder zurück im Büro oder nie wirklich weg gewesen? Warst du von Kurzarbeit betroffen oder hast andere finanzielle Effekte (positiv/negativ) durch die Corona-Pandemie erfahren?

7 Replies to “Welchen Einfluss hat Corona auf deine Finanzen? (Teil 2) // FIRE und Ungeduld”

  1. ganz subjektiv – Möbel, Gartenmöbel, Urlaubsbuchung, mal wieder Essen gehen ….
    die Sparquote wird sinken und die Ausgaben steigen.

    Wohingegen sich an der Wohnsituation sich nichts ändert und auch kein Handlungsbedarf besteht, Vorort in einer Metropolregion mit etwas grün.

    Die Frage nach der Rückkehr ins Büro ist schon spannender da wird aber sicher auch nicht vor Jahresende mit Neuigkeiten zu rechnen sein. Dazu gibt es zu viele Dinge zu beachten (Impfquote, Wunsch nach Büro oder Homeoffice, bei Wunsch nach Homeoffice langfristige Ausstattung usw usw)

    Spannend auch in dem Zusammenhang Wohnen in der Stadt Folge 19 von Finanz-Szene und der These zu den Innenstädten

    1. Mein Arbeitgeber hat jetzt mal den September als Rückkehr-Datum in den Raum gestellt, aber gleichzeitig wird es keine vollständige Büroabwesenheit mehr geben, das ist schon entschieden. Christophs Arbeitgeber hat ebenfalls vermeldet, dass alle Zuhause bleiben können, die es wollen.
      Mit der neuen Flexibilität müssen wir kollektiv erst einmal umgehen lernen, glaube ich.
      Meinst du beim Podcast den mit Tobias Just als Gast? Den hatte ich gar nicht auf dem Schirm für mich, danke für den Tipp, da hör ich mal rein!
      Finde das gerade eine sehr spannende Frage, wie sich der Immobilienmarkt nach Corona entwickeln wird. Bisher sieht man ja kaum einen Effekt, aber wahrscheinlich ist es dazu auch einfach noch zu früh.

      1. Ja, genau diese Podcast-Folge, die Thesen fand ich sehr spannend und bin derselben Meinung das trotz (möglicherweise) dauerhafter Homeoffice ein Umzug nach Brandenburg mit deutlich niedrigeren Lebenshaltungskosten keinen Gewinn für mich darstellt und die Stadt immer noch attraktiv bleibt und schon schlimmere Katastrophen erlebt hat.

  2. Ich kann deine Ungeduld total nachvollziehen, halte sie aber für die größte Falle auf dem Weg zu FIRE. 15 Jahre ist eine unglaublich lange Zeit, und mit den klassischen Mitteln ETF sparen etc. kannst du das auch nicht wirklich beschleunigen bzw. hast auch nicht wirklich etwas zu tun, der Sparplan führt sich von selber aus. Meines Erachtens läufst du damit Gefahr das aktuelle Leben nicht voll zu geniesen, sondern „nur“ zu wünschen, endlich 45 und frei zu sein. Das hat meiner Meinung nach auch nichts mit Corona zu tun, sondern mit der Langfristigkeit des Ziel und den geringen Gestaltungsmöglichkeiten beim klassischen ETF-Sparen. Tipp: vergiss erstmal FIRE mit 45 und konzentriere dich auf andere Dinge, lebe dein Leben aber spare wie bisher. Dann kannst du das Leben frei geniesen ohne unzufrieden zu sein und wirst mit Anfang 40 feststellen, dass du trotzdem demnächst FIRE bist. Andere Alternative: mach dich (nebenher) selbstständig und gib aktiv Vollgas, aus meiner Sicht die einzige Möglichkeit das Ziel deutlich früher zu erreichen. Aber 15 Jahre darauf hinarbeiten „endlich“ frei zu sein, ich glaube das ist nicht empfehlenswert.

    1. Hallo Jeronimo, keine Sorge, ich bin kein Asket, der sich seine Sparrate vom Mund abspart und dabei vergisst, sein Leben zu leben!
      Aber genau an der Stelle kommt für mich Corona ins Spiel. Ich konnte bis vor ca. zwei Wochen kaum etwas von dem tun, was ich gerne mache, um das Leben zu genießen. Insbesondere Restaurantbesuche, Besuche bei Freunden, etc. waren in den letzten Monaten nicht möglich bzw. es wurde im sozialen Umfeld stark davon abgeraten.
      Ich gebe dir absolut recht, dass man niemandem empfehlen sollte, auf irgendein fernes Ideal von „Freiheit“ auf Kosten des Heute hinzuarbeiten. Das nervt mich persönlich auch immer an so Ausdrücken wie „Raus aus dem Hamsterrad“. Man sollte im Hier und Jetzt sein Leben genießen, da es jederzeit vorbei sein kann. In diesem speziellen Fall war ich jetzt aber fast 18 Monate durch äußere Faktoren, die wir alle nur wenig beeinflussen konnten, massiv darin eingeschränkt, so zu leben wie ich das gerne mache. Gerade Restaurantbesuche sind für mich etwas, das sehr zur Lebensqualität beiträgt. Sich zuhause etwas kochen (was ich auch gerne mache) oder sich etwas liefern lassen – beides nicht das gleiche. Jetzt geht es mit den Lockerungen ja auch echt schnell vorbei und bald bin ich durch die Zweitimpfung einigermaßen geschützt – es geht also bergauf 🙂
      Viele Grüße
      Jenni

      1. Ja das verstehe ich, die letzte Woche war fantastisch, gerade was wieder Wetter und Essen gehen betrifft. Bin seit einem halben Jahr FIRE, und es war eigentlich das erste Mal, das ich mich auch wirklich so gefühlt habe. Beide Kinder wieder in der Schule, schönes Wetter und mit meiner Frau mittags Essen gehen, so kanns weitergehen 😉
        Viel Erfolg!

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