Warum arbeitest du nicht jetzt schon Teilzeit? // Slow FI weil YOLO

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Lesezeit: 12 Minuten

Ein etwas kryptischer Titel heute, das gebe ich gerne direkt zu! Für die etwas ältere Generation: YOLO war 2012 Jugendwort des Jahres und steht für „You only live once“, also man lebt nur einmal. Dieses Lebensmotto wird wahlweise den Millennials/Generation Y (heutige 25 bis 40 Jährige) oder auch manchmal der noch jüngeren Generation Z (heute 13 bis 24 Jährige) zugeschrieben.

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Sokrates, griechischer Philosoph, * um 469 vor Christus, † 399 vor Christus

Frei nach Sokrates, der angeblich schon 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung über die damalige Jugend schimpfte, wird „YOLO“ von älteren Generationen oft als Epitom einer egoistischen und rücksichtslosen Lebensweise der jungen Leute stilisiert. Dabei sagt alle soziologische Forschung: Gerade die heutigen Jugendlichen der Gen Z setzen sich mehr für das Gemeinwohl ein als vorherige Generationen. Das sieht man nicht nur an Greta Thunberg und der Fridays for Future Bewegung, die hauptsächlich von Schülern organisiert wurde. Auch die Millennials ticken dann doch meist ganz anders als ihr Ruf und teilen oft die eher traditionellen Werte ihrer Eltern.

YOLO als Lebensmotto

YOLO steht für die jungen Menschen, die den Spruch heute noch verwenden, nicht unbedingt für Spaß um jeden Preis, auch auf Kosten anderer. Eher wird der Spruch verwendet, wenn man sich bewusst ist, dass die geplante oder gerade erfolgte Grenzüberschreitung eine solche ist: Eine Ausnahme, etwas Besonderes. Den Bauch viel zu voll schlagen bei einem Sushi-Schlemmermenü für 100 Euro? Mit den besten Freunden bis morgens feiern gehen, obwohl morgen wieder die Arbeit ruft? Ein völlig übermüdet überstandenes Festival-Wochenende für 200 Euro? Den Traum von der Backpacking-Weltreise erfüllen? YOLO!

Was YOLO als Lebensphilosophie auszeichnet ist der Fokus auf Erlebnisse und Glücksgefühle. Ob es eine gute Idee ist, sich von seinem eigentlich für den Notgroschen angesparten Geld ein neues iPhone zu kaufen, sei mal dahingestellt. Aber nicht alle YOLO-Entscheidungen haben auch immer negative finanzielle Implikationen. Und selbst wenn es an die Finanzen geht, kann man genau für solche Eskapaden ja auch genug Geld in seinem Budget vorsehen („financially-secure YOLO“).

Geld für das auszugeben, was einem besonders und besonders lange in Erinnerung bleiben wird, ist eine sehr gute Idee. Kein jugendlicher Leichtsinn, sondern ein exzellenter Ratschlag für alle Altersgruppen. Menschen, die sich auf Erlebnisse statt auf Besitz konzentrieren, sind nachgewiesen glücklicher. Neben Erlebnissen selbst sollte man besonders in jene Gegenstände investieren, die einem immer wieder Glücksgefühle geben können. Zusätzlich lohnen sich Investitionen in Dinge, die einem mehr freie Zeit ermöglichen. Denn mehr Zeit kann man dann wieder nutzen, um etwas schönes zu erleben.

Mann mit ausgestreckten Armen
Mit ausgestreckten Armen auf einem Berg stehen muss das sein, was alle meinen, wenn sie von Freiheit sprechen.

Und was ist jetzt Slow FI?

Dieser Fokus auf die Zeit als wertvollstes Gut ist auch der Kernpunkt der Slow FI Philosophie. Besonders die amerikanischen Blogger „The Fioneers“ haben den Slow FI Begriff geprägt. Sie positionieren Slow FI als ein Alternativkonzept zum vermeintlich gängigen FI-Mantra „Verdiene und spare so viel du kannst, um möglichst schnell in Rente zu gehen„.

Slow FI: When someone utilizes the incremental financial freedom they gain along the journey to financial independence to live happier and healthier lives, do better work, and build strong relationships. 

Slow FI Definition der Fioneers – für sie ist Slow FI das wahre YOLO

Damit sei das Slow FI Konzept das „wahre YOLO“, da es die Glücksmaximierung heute in den Vordergrund stelle. An den „traditionellen“ FI- oder Renten-Plänen wird kritisiert, dass zu stark in den zwei Phasen „Arbeit“ und „Rente“ gedacht wird. Die Rentenphase werde dabei mit Freiheit und Glück, und dem Verwirklichen der eigenen Träume gleichgesetzt. Während die Arbeitsphase für Anstrengung, Stress, Verzicht, Unglück und Unfreiheit stehe.

Für mich erstaunlich viele FI-Blogger geben als Motivation hinter ihren FIRE-Plänen tatsächlich an, dass sie sich in ihrem Job unwohl gefühlt haben, ständig gestresst und insgesamt sehr unglücklich mit ihrem Leben waren. Nur FIRE als Ziel, quasi als Hoffnungsschimmer, lasse sie den Wahnsinn am Arbeitsplatz weiter durchhalten. Zwei Beispiele:

  • Kristy von Millennial Revolution, deren Buch Quit like a Millionaire ich letztes Jahr gelesen habe, erzählt ausführlich davon, wie furchtbar ihr Job, ihr Chef und die Arbeitsbedingungen allgemein waren.
  • Auch Purple, die gerade erst im Oktober 2020 FIRE erreicht hat, hat in den letzten Jahren immer wieder höchst amüsant über den ganz alltäglichen Bürowahnsinn in ihrem Job berichtet, dem sie jetzt endlich entkommen konnte.

YOLO als Lebensphilosophie konzentriert sich auf den Moment an sich. Die „traditionelle FIRE-Philosophie“ konzentriert sich hingegen stark auf die Freiheit in der Zukunft, nach FIRE. Slow FI versucht einen Ausgleich zwischen den Extremen zu finden. Für immer mehr Freiheit möglichst schnell, mit dem Kompromiss, die „volle Freiheit“ (in Form von FIRE) erst später zu erreichen.

Ein paar Jahre leiden für schnellere Freiheit?

Für mich persönlich ist dieses Konzept ein sehr sinnvoller Weg, FIRE anzugehen. Denn nicht nur kann das Leben jederzeit vorbei sein (denn auch das sagt You only live once!). Auch garantiert einem niemand, dass das Leben nach FIRE plötzlich so viel und eindeutig besser ist als vorher – warum auch? Insbesondere wird das Leben nicht plötzlich von einem auf den anderen Tag schön(er), wenn man die Jahre oder sogar Jahrzehnte davor dauerhaft eine sehr negative mentale Einstellung zu seinem Job hatte. Sich bei Freunden oder Kollegen mal zwischendurch auszukotzen hilft ungemein, um seinen Frust kurzzeitig abzubauen. Aber über lange Zeit alles im und am eigenen Job zu hassen, das kann nicht gesund sein für das eigene Wohlbefinden – auch außerhalb der Arbeit.

Meiner Einschätzung nach ist – zumindest in der deutschen Finanzblogger- und FIRE-Community – diese vermeintlich „traditionelle“ Sicht auf finanzielle Unabhängigkeit („möglichst schnell zu FIRE buckeln„) inzwischen auch gar nicht mehr wirklich verbreitet. Doch die Kernidee von Slow FI („wachsendes Vermögen für inkrementelle Freiheit nutzen„), haben sich meiner Einschätzung nach auch noch nicht (wirklich) durchgesetzt – auch wenn dies an der Oberfläche so propagiert wird. Stattdessen wurde die frühere „Ich muss jetzt Opfer für (m)eine bessere Zukunft bringen“ Mentalität nur in einen neuen Kontext übersetzt: Selbstständigkeit.

Fast alle Finanzblogger geben als Motivation für das Ziel finanzielle Unabhängigkeit „mehr Zeit für eigene Projekte“ bzw. eine Selbstständigkeit (gerne im Bereich Finanzcoaching…) an. Auch Oliver vom wohl bekanntesten deutschen Finanzblog frugalisten.de hat sich neulich in einem viel kommentierten Artikel von seinem Ziel, der Rente mit 40, endgültig verabschiedet. Statt faulenzen oder „rumpimmeln“ (wie Oliver es 2017 nannte), scheint es für viele der ultimative Traum zu sein, weiter arbeiten zu können, nur bitte nicht mehr als Angestellter!

Ist die „Rente mit 30/40/45“ tatsächlich schon wieder out?

In dieser Hinsicht fühle ich mich inzwischen eher wie ein Exot unter den Bloggern: Ich habe nämlich nicht vor, mich selbstständig zu machen. Aber das ist vermutlich auch nur der Effekt meiner Filterblase. Wer einfach so vor sich hinspart und investiert und nicht gerade versucht, sich durch Instagram/Blogging und Affiliate-Programme eine neue Einkommensquelle zu erschließen, der spricht wahrscheinlich einfach nicht oder nicht so viel darüber. Daher mag mein Eindruck trügen.

Das alte Mantra von „möglichst schnell FIRE erreichen, egal was es kostet und mit einem macht auf dem Weg“ ist meiner Einschätzung nach inzwischen eher durch „möglichst schnell aus dem Angestelltendasein raus“ ersetzt worden. Doch das ist ziemlich weit weg von der ursprüngliche Idee hinter Slow FI, der kontinuierlichen Erhöhung der eigenen Freiheit!

Selbstständige arbeiten selbst und ständig

Jeder kennt wohl den altklugen Spruch, eine Selbstständige arbeite „selbst“ und „ständig“. Wie bei jedem dummen Spruch ist da aber natürlich schon ein Funken Wahrheit enthalten. Deswegen stehen bei der neuen Generation Finanzblogger auch die passiven Einkommensströme besonders im Fokus: Blogge! Dreh YouTube Videos! Schreib ein eBook! Produziere einen Onlinekurs!

Im Prinzip sind diese Ratschläge richtig: Einmal anfangs etwas Arbeit investiert, können solche Geschäftsmodelle tatsächlich passives Einkommen generieren. Doch die initiale Investition bzw. der Arbeitseinsatz wird dabei oft unterschätzt. Denn ein Blog hat nicht automatisch viele Leser, ein YouTube Kanal nicht sofort viele Zuschauer. Onlinekurse und eBooks müssen nicht nur produziert, sondern genauso aufwändig vermarktet werden. Und mit nur einem Video/eBook/Blog-Artikel wird man ja auch nicht reich. Statt einem leicht verdienten, vermeintlich passivem Nebeneinkommen ist das schnell ein sehr aktiver, zeitintensiver Zweitjob. Oft vergehen Jahre bis Blogger/Influencer überhaupt Geld verdienen – und ob sie dann von den Einnahmen leben können, ist eine zweite Frage.

Gibt es geborene Selbstständige?

Meiner Beobachtung nach gibt es zwei Arten von Menschen: Die einen sind geborene Selbstständige. Sie lieben es, sich in diese Projekte zu stürzen und ihr eigenes Ding aufzubauen. Die 70-Stunden-Woche nehmen sie trotz der zunächst noch sehr geringen Einnahmen aus ihrer Selbstständigkeit in Kauf, denn es macht ihnen Spaß und das Bewusstsein, für sich selbst zu arbeiten, statt für andere, gibt ihnen Energie. Die typischen Hustler und Entrepreneure.

Doch es gibt auch jene Menschen, die den Aufbau einer Selbstständigkeit neben dem Job als puren Zusatzstress empfinden würden. Und da gehöre ich definitiv dazu! Sehr erkenntnisreich für mich fand ich in diesem Zusammenhang ein Gespräch, das ich gestern bei einem Spaziergang mit einer Freundin geführt habe.

Wann ist viel gleichzeitig zu viel?

Sie sprach von ihrer Zielvorstellung einer Portfolio Career. Das ist eine Art zu arbeiten, bei der nicht ein einzelner Job als Haupteinkommensquelle im Vordergrund steht. Stattdessen baut man sich seinen eigenen Kosmos aus verschiedenen Einkommensströme zusammen mit nicht-kommerzieller Arbeit, z.B. für eine gemeinnützige Organisation. Je besser die eigene Finanzsituation, desto weniger relevant wird der monetäre Aspekt bei der Entscheidung, ob eine bestimmt Tätigkeit in das eigene „Karriere-Portfolio“ aufgenommen wird. Dieses Konzept ist damit sehr ähnlich wie Slow FI, stellt aber die finanzielle Unabhängigkeit als übergeordnetes Ziel weniger in den Vordergrund.

Der klare Vorteil an diesem Karriere-Portfolio-Modell, den auch die Slow FI-Pioniere The Fioneers immer wieder hervorheben: Der Eintritt in die Rente (egal zu welchem Zeitpunkt) ist kein plötzlicher Switch von einem Extrem zum anderen. Das hilft auch dabei, mental mit den Veränderungen im eigenen Leben bei Renteneintritt besser klarzukommen. Also alles super?

Nachteile der Mehrgleisigkeit

Mehrere Aktivitäten nebeneinander zu betreiben birgt die Gefahr, insgesamt mehr als 100% geben zu müssen. Unsere Zeit ist endlich und begrenzt. Seine Freizeit neben dem 40-Stunden-Job für den Aufbau einer Selbstständigkeit zu opfern, zahlt sich oft erst nach Jahren der Doppelbelastung aus. Ob das also wirklich ein guter Weg zu mehr Freiheit ist? Widerspricht dieser Ansatz nicht gerade dem Slow FI Ziel, auch kurzfristig schon mehr Freiheit zu erlangen und nicht erst im (noch halbwegs jungen) Rentenalter/in der Zukunft?

Um Überforderung und Doppelbelastung definitiv auszuschließen, müsste man also entweder ein wirklich hervorragender Selbstmanager und mental stark sein. Oder geht dann doch wieder in klar voneinander abgegrenzten Phasen vor, die so aussehen könnten:

  1. Zuerst etwas Geld ansparen
  2. Dann Stunden im Hauptjob reduzieren
  3. Die freigewordene Zeit in etwas stecken, was mehr Freude bereitet (und vielleicht auch in Zukunft wieder Geld einbringt)
  4. Die finanzielle Auswirkung der Stundenreduzierung durch das in Schritt 1 angesparte Vermögen kompensieren (bis der Zweitjob das nötige Einkommen generiert)

So kommt man seinem Ziel der finanziellen Unabhängigkeit etwas langsamer näher (daher der Name Slow FI). Aber dafür kann man sich auch schon früher gewisse Teil-Freiheiten erarbeiten, insbesondere was den Job angeht. So zumindest ist die Theorie.

In der Praxis wird es den meisten Menschen extrem schwer fallen, ihr Einkommen für eine gewisse Zeit bewusst zu senken mit der Hoffnung, es in Zukunft durch eine andere Quelle ersetzen zu können. Die wenigsten sind gleichzeitig so rational und risikoaffin. Und viele haben auch noch gar nicht den finanziellen Spielraum, um auf einen signifikanten Teil ihres Einkommens bewusst verzichten zu können.

Zudem gehört eine Portion Mut zu jeder Selbstständigkeit: „Durchrechnen“ kann ich so einen Plan nicht. Ich kann maximal berechnen, wie lange ich mir das Experiment Selbstständigkeit überhaupt leisten kann. So kann ich den Zeitpunkt bestimmen, an dem ich meinen Plan spätestens anpassen muss. Also wann die Subventionierung des gewünschten Lebensstils mit dem vorher angesparten Vermögen nicht mehr möglich ist.

Das Konzept ergibt für mich keinen Sinn…

Auch wenn ich die Slow FI Philosophie auf dem Papier zunächst gut fand, kann ich damit in der Praxis inzwischen nichts mehr anfangen. Denn es wird (gefühlt) nie davon gesprochen, seine neu gewonnene finanzielle Freiheit in mehr Freizeit zu investieren. Stattdessen geht es immer um den Aufbau einer anderen/zusätzlichen Einkommensquelle. Für mich persönlich ergibt dieses Konzept keinen Sinn. Denn der Wert von Freizeit, also bewusster Zeit ohne Arbeit (auch nicht an „eigenen Projekten“!), kommt mir viel zu kurz. Warum sollte ich mein Geld dafür ausgeben, einen (sicheren, guten) Job durch einen (neuen, anstrengend aufzubauenden) Job tauschen wollen?

Nur wenn es eine kommerzialisierbare Tätigkeit gäbe, die mir genauso gut oder sogar noch besser gefällt als meine Freizeitaktivitäten, würde ich meine Freizeit dafür opfern wollen. Und die Doppelbelastung in der Aufbauphase ist nicht zu unterschätzen: Denn kurzfristig hat man dann einen Job, der immer noch genauso wie vorher ist (mit wahrscheinlich oft genauso vielen Stunden wie vorher, weil man sich eine Reduktion doch nicht wirklich leisten kann) und einen zweiten Job, der einem zwar ggf. etwas besser gefällt, dafür aber kaum noch Freizeit. Ob diese Rechnung aufgeht und zu mehr Gesamtzufriedenheit führt und man das kurz- bis mittelfristige Investment (von Geld und/oder Freizeit) eingehen möchte, ist hochindividuell.

Meine persönliche Einschätzung

Für mich persönlich passen die Rahmenbedingungen nicht, denn ich mag meinen derzeitigen Job. Das scheint bei vielen, die diesen Weg wählen, nicht gegeben. Persönlich sehe ich das auch für alle, die ohne das „Hustler-Gen“ geboren wurden, als deutlich effektiveren Weg an, seine Lebenszufriedenheit zu steigern: Such dir lieber einen Job, den du magst, statt neben einem ungeliebten Hauptjob noch mit viel Schweiß und Druck zu versuchen, eine Selbstständigkeit aus dem Boden zu stampfen, die dich irgendwann (hoffentlich) von den „Corporate-Fesseln befreien“ wird.

Wie bereits gesagt, gibt es meiner Meinung nach ein paar Menschen, die in ihrer Selbstständigkeit richtig aufgehen. Für diese macht es häufig Sinn, direkt voll durchzustarten, statt sich selbst durch einen nicht erfüllenden Vollzeitjob von ihren eigenen Zielen ablenken zu lassen. Florian Wagner, der Geldschnurrbart, ist so ein Typ und hat sich daher nach 4 Jahren für den Sprung in die Selbstständigkeit entschieden.

Aber alle, für die das nicht ist, sollten sich definitiv nicht schlecht fühlen. Es kann sich so anfühlen, als gäbe es nur noch „Hustleporn“ und der starke Fokus auf „eigene Projekte“ / Selbstständigkeit sei der einzige Weg zu finanzieller Unabhängigkeit und Lebensglück. Das ist nicht so.

Der Weg zu FIRE sollte immer dazu anregen, die eigene Lebenssituation zu überdenken. Slow FI ruft dich dazu auf, zu hinterfragen, welche deiner Träume und Ziele du heute umsetzen kannst – und sie nicht auf einen fernen Punkt in der Zukunft zu verschieben. Das ist ein guter Ratschlag, den ich mir auch zu Herzen nehme. Aber das heißt nicht automatisch, dass nur die Selbstständigkeit zum Glück führt.

…und fällt (für mich persönlich) auch in der Praxis durch

Neben der Tatsache, dass ich meinen Job gerne mag, ließe er sich auch in der Praxis gar nicht sinnvoll in Teilzeit ausüben. Wenn überhaupt wäre in meiner Situation eine klare Trennung in Arbeitstage und arbeitsfreie Tage möglich, z.B. jeden Montag nicht zu arbeiten. Meiner Erfahrung nach bleiben dann viele Aufgaben aber auch einfach liegen und erzeugen in der verringerten verbleibenden Arbeitszeit nur noch mehr Stress.

Eine Verringerung der Stundenzahl klappt bei mir nicht. Damit eine simple Reduzierung der Stunden effektiv ist, muss man erst einmal geregelte Stunden haben. Und das trifft auf meinen und viele Jobs, gerade die spannenden, interessanten, heutzutage nicht mehr zu. Das entspricht der Forderung, die wir Millennials an die Arbeitgeber hatten: Wir wollten mehr Flexibilität. Keine starre „Facetime“ in der Kernarbeitszeit von 9 bis 17:30 Uhr. Diese höhere Flexibilität erfordert aber auch eine höhere Selbstdisziplin, seine eigenen Grenzen zu kennen, aufzuzeigen und einzuhalten.

Weniger starre äußere Grenzen erfordern mehr innere Grenzen

Frau mit Laptop im Bett
Bei wem sieht Home Office auch so aus?

Besonders in der aktuellen Home Office Situation verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit in einem nie gekannten Ausmaß. Der Begriff Work-Life-Balance wird inzwischen sogar oft durch die sogenannte Work-Life-Integration ersetzt. Es geht nicht mehr um die perfekte Mischung zwischen den beiden getrennten Bereichen „Arbeit“ und „Leben“, sondern um ein möglichst gutes Gesamtkonzept, bei dem Arbeit nicht mehr das Gegenteil von Leben ist.

Das klingt natürlich gut. Doch ich kenne viele Menschen, die damit echte Probleme haben. Sowohl, weil sie nicht mehr abschalten können und quasi dauerhaft mehr oder weniger arbeiten. Aber auch, weil sie ihren Job einfach nicht so gut finden, wie es all die schlauen Ratgeber-Artikel und inspirierenden Entrepreneurs ihnen empfehlen. Mit Mitte/Ende 30 finden sich viele in einer Sinnkrise, weil sie das Gefühl haben, das Falsche studiert zu haben und insgesamt irgendwie alles falsch gemacht zu haben und jetzt in diesem nicht hundertprozentig erfüllenden Job für den Rest ihres Lebens „festzustecken“.

Geringere Ansprüche machen glücklicher

Kalenderspruch
Niveau: Kalenderspruch in Biggis Jahresplaner

Das Resultat: Lauter unglückliche Menschen, die verzweifeln, weil sie nicht wissen, wie sie ihren Traum leben können. Geschweige denn, was ihr Traum überhaupt ist! Ich persönlich plädiere für eine weniger hochtrabende Interpretation der Arbeit: Mein Job ist zuallererst ein Weg für mich, um Geld zu verdienen. Dabei versuche ich das auf eine Art und Weise zu machen, die mir auch noch die meiste Zeit Freude bereitet.

Aber ich habe nicht den Anspruch, dass mein Job mich erfüllen muss oder ich durch meine Arbeit „meinen Traum lebe“. Daher macht es für mich auch keinen Sinn, jetzt bereits Teilzeit zu arbeiten. Denn nicht nur wäre das bei meinem aktuellen Aufgabengebiet schwer möglich. Ich persönlich glaube auch, dass der gleiche Job in Teilzeit mein Stresslevel erhöhen und damit meine Freude insgesamt reduzieren würde. Und ein anderer, „teilzeitfreundlicher“ Job würde mir deutlich weniger Spaß machen als mein aktueller, sodass das im Endergebnis auch wieder eine Verschlechterung wäre.

Welche Lebensphilosophie spricht dich am mehr an? YOLO oder Slow FI? Würdest du gerne in Teilzeit arbeiten? Was hält dich davon ab? Träumst du von einer Selbstständigkeit oder einer Portfolio-Karriere? Bist du (nebenbei) bereits selbstständig? Ist dein Ziel, deinen aktuellen Job irgendwann komplett aufgeben zu können?

7 Replies to “Warum arbeitest du nicht jetzt schon Teilzeit? // Slow FI weil YOLO”

  1. Danke, dass du Purples Blog verlinkt hast. Habe dort nun schon einige tolle Stunden verbracht ihn zu lesen :D! Auch wenn ich nicht das dort gefunden habe, wonach ich gesucht habe und weswegen ich ihn angeklingt habe (nämlich amüsane Geschichten über den alltäglichen Bürowahnsinn), so habe ich dennoch einen tollen Einblick in ihr Leben bekommen, ganz nebenbei stundenlang Texte auf Englisch verschlungen und neue Vokabeln gelernt. Danke also für die Verlinkung! Wie wäre es mit einem Blogeintrag über (FIRE-)Blogs, die du gut findest? 🙂

    1. Hallo Viviane,
      der Artikel mit meinen Lieblingsblogs kommt automatisch irgendwann mal, wenn mir auch am Sonntagnachmittag einfach gar kein anderes Thema mehr einfallen will 😉
      Schau doch mal auf http://www.finanzblogroll.net vorbei, da stellt Felix jede Woche die aus seiner Sicht besten Finanz-Artikel der Woche zusammen. Das ist immer eine schöne Inspiration für neuen Lesestoff. Alternativ ist auch fire-hub.eu eine gute Anlaufstelle, wenn man auch außerhalb Deutschlands, aber auch nicht gleich im doch von den Startbedingungen her doch sehr anderem Amerika Inspiration sucht.
      Meine Lieblingsblogs habe ich tatsächlich aber inzwischen alle schon mindestens einmal irgendwo verlinkt!
      Viele Grüße
      Jenni

  2. Danke für diesen super interessanten Artikel! Ich habe mir vor kurzem selbst überlegt, ob es denn wirklich FIRE sein muss (erst stressen, dann langweilen), und bin dann zu der Erkenntnis gelangt, dass doch FITZ viel besser ist (Financial Idependance – TeilZeit) 😉

    Ich kann alles was du schreibst super nachvollziehen, bis auf die Sache mit der Teilzeit. Warum denkst du dass das nicht klappt? Die 40-Stunden-Woche ist ja keine Naturkonstante, das haben irgendwann man die Gewerkschaften ausgehandelt. Es wäre ja eher Zufall, wenn die pro Woche anfallende Arbeit exakt ein Vielfaches von 40 Stunden beträgt. Rechnerisch muss es möglich sein, Arbeit und Gehalt zu reduzieren und z.B. eine weitere Teilzeitkraft einzustellen. Das hängt vor allem davon ab, ob der Arbeitgeber da mitspielt, das habe ich zugegebenermaßen bei meinem Arbeitgeber auch noch nicht rausgehorcht.

    1. FITZ gefällt mir gut 🙂

      Zu der Möglichkeit in Teilzeit zu gehen: vielleicht habe ich mich da nicht ganz verständlich ausgedrückt :/ Wenn du einen Job hast, der 40h Arbeitskraft verlangt, dann (da gebe ich dir völlig Recht!) kann der von 2 Arbeitskräften mit jeweils 20h oft genauso gut ausgeführt werden (vielleicht mit ein bisschen Reibungsverlust bei Übergaben, aber vielleicht ja auch mit Effizienzgewinn durch höhere Motivation/Energie der einzelnen Person).
      Mein aktueller Job hat aber keine solchen geregelten Arbeitszeiten. Da ich eine stark koordinative Rolle ausübe, wo es darauf ankommt, die Verbindungen zwischen verschiedenen Themen, Projekten und Personen zu erkennen und diese dann zusammenzubringen, ist es aus meiner Sicht nicht sinnvoll (bzw. effizient) meinen Job auf mehrere Leute zu verteilen.

      Viele Grüße
      Jenni

  3. Hi Jenni,

    ich finde deinen Artikel wirklich sehr gelungen und kann deine persönlich Meinung voll nachvollziehen. Nebenbei bin ich auch mit einer kleinen Firma aktiv. (kein Online-Marketing) Und ja selbst und ständig trifft es gut. Wo die Reise bei mir am Ende hingeht, weiß ich auch noch nicht genau. Mit genügend F*ck you money kann ich zumindest gut schlafen 🙂

    Ich wünsche dir auf jeden Fall weiter viel Erfolg!

    Viele Grüße
    Chris

    1. Danke Chris!
      Ich persönlich finde, dass es nicht immer „das eine große Ziel“ im Leben braucht. Es geht doch eher darum, sich sowohl im Hier und Jetzt wohlzufühlen als auch sich für Morgen eine gute Basis aufzubauen.
      Viele Grüße
      Jenni

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