Und wenn du mit 45 an einem Herzinfarkt stirbst? // Sparen vs. Verzicht

Ein niedliches Schwein
Lesezeit: 6 Minuten

Wenn ich davon erzähle, dass ich mit 45 Jahren in Rente gehen will und dafür jeden Monat mehr als die Hälfte meines Nettoeinkommens spare, erzeugt dies bei meinem Gegenüber oft ein Bild von quasi asketischem Verzicht. Das muss ja weh tun! Daher folgt oft die Frage: „Und was ist, wenn du mit 45 an einem Herzinfarkt stirbst?“.

Meine Antwort auf die Frage ist meist ein herzhaftes Lachen – auch wenn es sich andere Menschen nur schwer vorstellen können, lebe ich nicht asketisch und verzichte ständig. Das Wort Verzicht ruft sofort Assoziationen von Schmerzen und Unzufriedenheit hervor. Wer auf etwas verzichtet, der hätte es eigentlich gerne gehabt, aber „verkneift“ es sich aus vermeintlich rationalen Gründen. Aus meiner Sicht funktioniert ein solcher Verzicht selten langfristig, und selbst wenn man es durchhält, auf etwas zu verzichten, was man eigentlich wirklich gerne hätte – ist das dann ein lebenswertes Leben?

Verzicht – was ist das überhaupt?

Ein indischer Guru

„Verzicht“ funktioniert für mich nur, wenn es nicht mit Schmerzen verbunden ist. Verzichten hat ganz oft nicht nur negative Seiten, sondern auch eine Menge positive Seiten.

Nehmen wir als Beispiel ein eigenes Auto: wer nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist, sondern einfach einsteigen und losfahren kann, der genießt eine Menge Komfort. Aber kein eigenes Auto zu haben, kann auch Vorteile haben: Man kann sich immer das passende Auto ausleihen, je nachdem, was man braucht (großer Transporter für den Umzug oder kleiner Flitzer für den Besuch bei den Verwandten auf dem Land). Man tut im Alltag mehr für die Gesundheit, weil man sich „zwangsweise“ mehr bewegen muss (auch wenn es nur die paar Meter zur Bushaltestelle sind). Man belastet die Umwelt weniger, wenn man öfter zum Fahrrad greift oder mit dem Bus fährt. Ein Verzicht muss also nicht unbedingt etwas rein negatives sein. Es kommt eher auf die eigene Einstellung an, was normal ist und daher gar nicht mehr hinterfragt wird.

Nutzenmaximierung im klassischen Sinne

Ganz im Sinne eines „homo oeconomicus“ (mein VWL-Studium lässt grüßen) heißt die klassische VWL-Nutzenmaximierung für mich, im Einklang mit meinen Werten leben und handeln zu können. Das heißt auch, nicht auf möglichst viel zu verzichten, nur um möglichst viel Geld für FIRE sparen zu können. Einige Beispiele:

Urlaub und Reisen

Ich könnte sicherlich 10% mehr sparen, wenn ich statt einer Fernreise als Jahresurlaub lieber zwei Wochen in Deutschland Zelten gehe. Wäre sicherlich auch besser für die Umwelt – aber fremde Länder und Kulturen kennenzulernen ist für mich persönlich sehr wichtig. Ich bin immer daran interessiert, Neues zu lernen und zu erleben. Die entstehenden CO2-Emissionen versuche ich über Spenden, z.B. bei atmosfair zu kompensieren. Das ist nicht perfekt, aber besser als nichts.

Spenden

Das bringt mich zu den mehreren Tausend Euro (mein „Kirchensteuer-Äquivalent“), die ich jedes Jahr spende. Auch diese würden mich meinem FIRE-Ziel auch ein bisschen schneller näher bringen, wenn ich sie statt für gemeinnützige Zwecke lieber in mein Depot stecken würde. Für mich ist Spenden aber Teil meiner „Investment-Strategie“ bzw. meiner Werte. Die Organisationen, an dich ich spende, leisten wichtige Arbeit, die ich unterstützen möchte.

Gutes Essen

Genauso ist mir ein spezielles Thema wichtig: Ich kaufe seit ich nicht mehr Studentin bin und daher nicht mehr so auf’s Geld schauen muss, fast nur noch Bio-Tierprodukte, also Eier, Milch, Joghurt, Wurst, Käse und Fleisch, da mir die besseren Bedingungen für die Tiere den teureren Preis wert sind. Bei Gemüse ist mir das Bio-Label nicht so wichtig, aber Bio-Gurken und Bio-Tomaten schmecken meiner Meinung nach einfach deutlich besser. Bei anderen Produkten schaue ich, ob sich die Bio- oder Fairtrade-Alternative lohnt, das heißt, ob ich mit meinem Kauf einen positiven Einfluss haben kann, z.B. bei den Problemfeldern Palmöl oder Mikroplastik.

Wie bei meiner Investment-Strategie glaube ich hier an die Kraft der kleinen Schritte: Den eigenen Konsum von heute auf morgen auf totale Nachhaltigkeit umzustellen, wird den wenigsten gelingen. Aber das ist kein Grund, nicht mit kleinen Schritten anzufangen: Für mich war dieser erste Schritt das Bio-Fleisch, dann die anderen tierischen Produkte wie Milch und Joghurt; im Moment arbeite ich mich durch die Drogerieprodukte und lese mich nach und nach durch die Label, um gute Alternative zu finden.

Verzicht als Entscheidung für eine Alternative

Verzicht kann also auch eine sehr bewusste Entscheidung für eine Alternative sein. Und ob diese Alternative bei gründlicher Betrachtung aller Dimensionen wirklich schlechter ist, ist oft schwer zu sagen. Ich hasse daher auch diese Artikel, die man zurzeit überall online liest, in denen dem Leser erklärt wird, wie schädlich der morgendliche Coffee-to-go-Becher für die eigene finanzielle Situation ist. Klar, 200 Tage im Jahr 3€ für einen Cappuccino auszugeben, das summiert sich, vor allen Dingen über die Jahre. Aber wenn man sich sonst jeden Morgen über den faden Büro-Kaffee ärgert, der nur lauwarm ist, weil es im Büro keine Möglichkeit gibt, die Milch zu erhitzen – ist dann der gute Start in den Arbeitstag nicht vielleicht doch 3€ wert?

Ich kann die Frage nicht beantworten, da ich überhaupt keinen Kaffee mag – aber die oft genutzte FIRE-Anekdote hat natürlich trotzdem einen wahren Kern: Welche Ausgaben und Käufe kann man sich sparen, ggf. sogar ohne auf etwas verzichten zu müssen?

Wo liegt mein größtes Sparpotential

Wenn man sich auf den Weg zu FIRE macht, sollte man nicht zuerst darüber nachdenken, wo man noch sparen könnte. Die anfängliche Begeisterung für die Idee, möglichst früh mit der Arbeit aufhören zu können, lässt nämlich viele über das Ziel hinausschießen. Durch allzu starken Verzicht ist es schwer, die Motivation über Jahrzehnte (!) aufrecht zu erhalten – und überlege dir genau, was ist, wenn du mit 45 an einem Herzinfarkt stirbst?!

Einnahmen

Neonschild mit der Aufschrift "Go up and never stop"
Super inspirational neon sign 😉

Zuerst sollte man sich seine Einnahmenseite anschauen: Wie viel Nettoeinkommen habe ich Monat für Monat? Geht da noch mehr? Habe ich jemals eine Gehaltserhöhung angesprochen oder mich für eine Beförderung bzw. eine besser bezahlte Stelle in einem anderen Unternehmen beworben? Gibt es vielleicht Zusatzleistungen bei meinem Arbeitgeber, die ich bei meinem Chef als Lohn für meine gute Arbeit einfordern kann? Habe ich Lust und Talent, durch einen Nebenjob mehr Geld auf mein Konto zu bekommen? Oder ist es vielleicht mal wieder Zeit für eine große Putz- und Aufräumaktion, bei der ich meine aussortierten Sachen über ebay Kleinanzeigen oder den lokalen Flohmarkt noch zu etwas Geld machen kann?

Jede Einkommenssteigerung kann direkt in eine höhere Sparrate investiert werden, denn bisher bist du mit dem vorhandenen Geld doch auch gut ausgekommen, oder?

Ausgaben

Gehen wir nun zur Ausgabenseite: Als erstes muss man sich einen Überblick über die eigene finanzielle Situation verschaffen, denn Transparenz darüber, wofür man eigentlich sein Geld so ausgibt, erzeugt oft automatisch schon einen Spareffekt. Erst bei einer Analyse der eigenen Ausgaben merkt man, wie viel Geld man ausgibt für Dinge, die einem gar keinen echten Mehrwert oder eine bessere Lebensqualität bringen. Die 200€ für Lebensmittel jeden Monat, obwohl doch oft was im Kühlschrank vergammelt? Die 75€ im Monat für Lieferdienstessen, das doch meistens weder so gut wie selbst gekocht noch so gut wie in einem Restaurant schmeckt? Oder schon wieder 55€ bei H&M ausgegeben, obwohl die Sachen im Kleiderschrank eigentlich schon in „zweiter Reihe“ gestapelt werden müssen, damit noch alles reinpasst?

Sich dieser Beträge bewusst zu sein, bringt einen beim nächsten potentiellen Kauf zum Grübeln. Brauche ich das wirklich? Gibt es nicht eine bessere Alternative? Vielleicht ergibt sich bei der Ausgabenanalyse bei einzelnen Kategorien auch genau der gegenteilige Effekt: „Ich liebe mein Netflix-Abo und könnte ohne Spotify mir mein Leben nicht mehr vorstellen“ Perfekt, dann diese Posten abhaken und nicht mehr darüber nachdenken. Es geht um Sparen – nicht um Verzicht!

Fixkosten

Fixkosten, wie monatliche Abos, sollten nach der ersten Finanzanalyse der nächste Punkt auf der Prüfliste: Brauche ich all diese Abos wirklich? Kann ich meinen Anbieter wechseln und dadurch Geld sparen, z.B. beim Handyvertrag, Internet, Strom? Gerade beim Stromanbieter gibt es tatsächlich den selben Strom wie vorher aus der Steckdose, aber der Preis kann, wenn man der Fernsehwerbung von Vergleichsportalen glaubt, „bis 800 Euro“ geringer sein – dafür muss man wahrscheinlich den teuersten Tarif Deutschlands haben und gleichzeitig den Stromverbrauch einer 12-köpfigen Großfamilie. 100€ sind aber durchaus drin, wenn man noch nie vorher den Stromanbieter gekündigt hat. Beim Handy ist es ähnlich – hat man vergessen den Vertrag mit Smartphone, das inzwischen abbezahlt ist, umzustellen, können locker >100€ Ersparnis im Jahr herauskommen.

Der Rest vom Fest // jetzt geht’s ans Eingemachte

Erst jetzt beginnt der Bereich, wo mehr Sparen sich ggf. zunächst wie ein Verzicht anfühlen kann. Also muss man jetzt tiefer graben:

  • Was ist mir wie viel Wert?
  • Wie wichtig ist mir Komfort?
  • Fühle ich mich gut mit meinen Ausgaben in den verschiedenen Kategorien meiner Analyse?
  • Oder möchte ich eigentlich mehr kochen und weniger beim Lieferdienst bestellen?

So ging es mir 2016 – bei meiner jährlichen Ausgabenanalyse habe ich festgestellt, dass wir fast 400€ für Lieferdienstessen ausgegeben hatte in dem Jahr. Diese Faulheit wollte ich uns 2018 nicht mehr erlauben: Kochen als kreativer Prozess macht mir Spaß, weil man direkt erlebt bzw. erschmeckt, was man mit den eigenen Händen geschafft hat.

Bei meiner Ausgabenanalyse für 2017 war ich hochzufrieden: Unser Lieferdienst-Budget war deutlich zurückgegangen! Das unser Supermarkt-Budget um fast genau den Betrag hochgegangen war, den wir bei Lieferdiensten gespart hatten, fand ich nur logisch.

„Aber dann hast du ja gar nichts gespart?“, werden manche fragen. Geld habe ich tatsächlich dadurch nicht mehr als vorher. Aber dafür habe ich die Qualität meiner Lebensmittel verbessern können: statt billigem Fleisch und Zusatzstoffen in der Sauce vom Lieferdienst, Bio-Fleisch und (halbwegs) gesunde, selbst gekochte Gerichte. Verzicht auf den Komfort von Lieferdienst-Essen hat mir also am Ende ein Plus an Lebensqualität durch gutes Essen und eine „schwarze Null“ im Ausgabenbudget gebracht.

Mehr als auf einen möglichst hohen Sparbetrag durch möglichst viel Verzicht, sollte man meiner Meinung nach auf dem Weg zu FIRE vor allen Dingen auf seine Lebensqualität und seine Werte achten – denn dann ist es auch egal, ob man kurz vor erreichen von FIRE tragisch an einem Herzinfarkt stirbt.

Auf was kannst du auf keinen Fall verzichten? Welcher Verzicht fällt dir gar nicht schwer? Auf was verzichtest du, obwohl du es eigentlich gerne hättest? Und welcher (rational entschiedene) Verzicht fällt dir am schwersten?

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2 Antworten auf “Und wenn du mit 45 an einem Herzinfarkt stirbst? // Sparen vs. Verzicht”

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