Wie weit ist der Weg zu FIRE? // Meilensteine

Straße in den Horizont
Lesezeit: 7 Minuten

FIRE (Financial Indepence Retired Early) kann ein sehr unkonkretes, schwammiges Ziel sein, das meist noch sehr weit in der Zukunft liegt. Also genau so eine Art Ziel, wie man sie sich nicht setzen soll! Die einschlägige Literatur empfiehlt hier, sich SMARTe Ziele zu setzen: Spezifisch, Messbar, Attraktiv, Realistisch, Terminiert.

Attraktiv ist das Ziel FIRE für mich auf jeden Fall, aber bei den anderen vier Dimensionen wird es schwieriger. Deswegen ist es wichtig, sich kleine Zwischenziele zu setzen und vor allen Dingen auch, zu feiern, wenn man diese erreicht hat! Welche FIRE-Meilensteine gibt es denn?

Rechnerische Meilensteine

Einerseits kann man sich dem Ziel FIRE rechnerisch nähern, entweder bei Erreichung bestimmter absoluter Vermögensmeilensteine (z.B. die ersten 100.000€) oder bestimmter relativer Meilensteine in Relation zur eigenen „FI-Zielzahl“ (im Englischen auch „nest egg“ genannt). Typische Meilensteine sind hier folgende:

Raus aus den Schulden bzw. Nettovermögen von Null

Die berühmte schwarze Null ist der Startpunkt für die meisten von uns

Für viele Menschen startet der eigene Weg zu FIRE im Minus: Seien es der Dispo des Girokontos, ein Studienkredit oder BaFöG-Schulden. Neben diesen „klassischen“ Schulden, aus denen man hoffentlich schnell wieder herauskommt, haben viele Deutsche auch Schulden aus Immobiliendarlehen. Hier ist es bei einer durchschnittlichen Hypotheken-Rückzahldauer von 27 Jahren schon ein deutlich längerfristiges Ziel, auf die Netto-Null beim eigenen Vermögen zu kommen.

Die ersten 10.000€ oder 100.000€

1922 kam man deutlich schneller auf 10.000 als heute

Je nachdem, wie man ein (noch ausstehendes) Immobiliendarlehen rechnerisch behandeln möchte (Netto- oder Bruttosicht), kann ein erstes Sparziel die Zahl „10.000€“ oder gleich „100.000€“ sein. Dabei kann man diesen Meilenstein sogar mehrmals feiern: Zum ersten Mal bei 100.000€ Gesamtvermögen kombiniert aus allem, was man hat z.B. Geld in der betrieblichen Altersvorsorge, der (Riester-)Rentenversicherung, Tagesgeld- und Girokonten (und den paar Cent im Portemonnaie?), und dem aktuellen Wert des Wertpapier-/Aktiendepots. Wer will, kann auch seine Uhren oder Luxushandtaschen noch dazuzählen 😉

Zum zweiten Mal kann man diesen Meilenstein noch einmal feiern, wenn das (relativ) kurzfristig verfügbare Vermögen die 100.000€ übersteigt – also nur das Geld im Depot und auf dem Girokonto bzw. angelegt auf Tagesgeld oder Festgeld-Konten, aber exklusiv des Gelds in Versicherungs- oder Riesterverträgen, die erst ab dem offiziellen Renteneintritt mit 67 Jahren angezapft werden können und daher für FIRE bzw. den früheren Renteneintritt nicht gut nutzbar ist. Und seine Lieblingshandtasche sollte man dann auch nicht mehr dazuzählen.

„Half-FI“

Man merkt, dass dieses Foto gestellt ist – das Kind sieht viel zu glücklich aus für die Tatsache, dass nur noch ein halber Muffin da ist.

Sobald man seine „FIRE-Zahl“ gefunden hat, also die Summe Geld, mit der man sich wohl fühlt, in Rente zu gehen, kann man daraus einen weiteren Meilenstein ableiten, nämlich den Halbzeitpunkt. Es ist schon eine kleine Party drin, wenn man die Hälfte des Geldes angespart hat, das man sich vorgenommen hat als Zielvermögen. Bis hierhin ist es eher mühselig, aber ab jetzt geht es mit großen Schritten zu auf’s Ziel! Ich würde auch bei ¾-FI noch einmal eine Flasche Sekt aufmachen.

Die erste Million

Auto und Haus
So stellt man sich das Leben als Millionär vor, oder? Die Realität sieht leider anders aus.

Ist man Frugalist, kommt als mit sehr wenig Geld im Monat aus, dann kommt man an diesem Meilenstein vielleicht gar nicht mehr vorbei, weil man schon vorher FIRE erreicht hat. Wer allerdings mehr als ca. 3.000€ netto pro Monat ausgeben möchte in seiner Rentenzeit (als Gesamtausgaben für den ganzen Haushalt), der wird wohl oder übel über eine Million Euro ansparen müssen, bevor er in Rente gehen kann. Millionär, das hat einen gewissen Klang und klingt nach ultimativem Luxus! 3.000€ Monatsausgaben für eine Familie, für die allein die Miete in einer Großstadt schnell über 2.000€ liegen kann, klingt da nicht ganz so luxuriös. Wenn ich diesen Meilenstein erreiche, mach ich eine richtig fette Party!

Die Millionärs-Familie

Paar im Yachthafen
Typisches Hobby für Millionärspaare: im Yachtclub herumhängen?

Richtig cool wäre es, wenn Christoph und ich nicht nur gemeinsam Millionär wären, sondern wir ein Vermögen von zwei Millionen hätten, sodass jeder von uns Millionär wäre. Wahrscheinlich gehen wir aber bereits vorher in Rente, sodass wir gar nicht mehr auf diesen Meilenstein hinarbeiten werden. Liegt das geplante Haushalts-Ausgabeniveau in der Rente bei deutlich über 6.000€, wird man sich an dem Doppel-Millionär Meilenstein wohl auch noch vorbeikämpfen müssen. Ein wahres Luxusproblem 😉

FIRE-Arten und Meilensteine

Neben dieser eher rechnerischen Betrachtungsweise kann man auch Meilensteine feiern, die verschiedene Arten von finanzieller Unabhängigkeit ausdrücken. Beim Erreichen dieser Meilensteine kann man nicht nur feiern, sondern sollte jeden Meilenstein auch wieder für einen Realitätscheck nutzen. Typische Meilensteine sind:

„FU Money“

Mit dem Instagram-Filter sieht diese Situation fast romantisch aus.

Zuerst sollte man sich einen „Notgroschen“ aufbauen, der einen vor den kleinen Katastrophen des Alltags schützt, wie z.B. einer kaputten Waschmaschine oder plötzlichen Autoreparaturen. Danach ist das nächste Ziel, genug Geld anzusparen, um „Fuck You“ sagen zu können. Dabei ist meist der Chef/Arbeitgeber gemeint. Die Idee dahiner ist, dass man auf Grund des angesparten „FU Geld“ frei und spontan entscheiden kann, zu kündigen, wenn einen die Arbeit nervt, da man für die nächsten Monate (oder Jahre) nicht darauf angewiesen ist, sein Gehalt zu bekommen und trotzdem normal weiterleben kann (Miete, Lebensmittel, Urlaub). In Amerika ist dieses Konzept noch mal etwas wichtiger als in Deutschland, wo es durch das Arbeitslosengeld sowieso eine gewisse Grundabsicherung gibt.

Coast FI

Bild ohne Bezug zum Text. Aber sieht es nicht wunderschön aus?

Sobald man genug Geld angespart hat, um zum normalen Renteneintrittsalter (also momentan 67 Jahren) ohne Veränderung des eigenen Lebensstandards in Rente gehen zu können, hat man „Coast FI“ erreicht. Das Standardrentenniveau entspricht im Moment ca. 48%, Prognosen gehen aber davon aus, dass dies 2030+ eher bei 30-40% liegen wird. Das heißt, dass ein Rentner von der gesetzlichen Rentenversicherung etwa 30-40% des letzten Gehalts als Rente bekommt. Die wenigsten Menschen werden nur so einen geringen Teil ihres Einkommens ausgeben, müssen also privat vorsorgen, um wieder auf das geplante Ausgabeniveau zu kommen. Erhalte ich z.B. 1.500€ gesetzliche Rente pro Monat, möchte aber 2.200€ als Monatsbudget haben, muss ich also so viel Geld ansparen, dass ich jeden Monat 700€ aus meinem Vermögen entnehmen kann (z.B. aus Zinsen, Dividenden, Mieteinnahmen oder durch Kapitalverzehr). Wenn man z.B. mit der bei FI-Enthusiaten bekannten „4%-Regel“ rechnet, würde dies einem Vermögen von ca. 210.000€ entsprechen. Allerdings muss man dann nicht warten, bis diese Zahl auf dem Konto erscheint, um Coast FI zu feiern. Stattdessen reicht es, wenn man genug Geld gespart hat, sodass es bis zum Renteneintrittsalter noch auf 210.000€ anwachsen kann! Bei einer Zeitspanne von 30 Jahren und einer angenommenen Rendite von 5% pro Jahr, könnte man also Coast FI mit 37 Jahren feiern, wenn man zu diesem Zeitpunkt bereits ca. 50.000€ auf der hohen Kante hat. Klingt alles ein bisschen kompliziert, oder? Ab jetzt wird es einfacher. Der nächste Begriff wird oft mit „Coast FI“ synonym verwendet oder zusammengeworfen. So genau sind die Definitionen da nicht.

Barista FIRE

Barista
Ich trink keinen Kaffee, also würde mir der Job als Barista eher keinen Spaß machen.

Hinter dem Begriff „Barista FIRE“ verbirgt sich die Idee, dass man genug Geld gespart hat, um im Job jetzt einen Gang zurückschalten zu können. Den Job als Barista (oder einen anderen, weniger stressigen oder Teilzeit-Job) macht man dann eher als nettes Hobby, um „unter die Leute zu kommen“, sich zur Deckung der Lebenshaltungskosten etwas dazuzuverdienen, oder auch um die Kosten für die gesetzliche Krankenversicherung gering zu halten. Hat man diesen Punkt der relativen finanziellen Sicherheit erreicht, ist dies eine perfekte Möglichkeit, die eigene Jobwahl noch einmal zu überdenken. Macht mir mein Job noch Spaß? Wollte ich schon immer etwas anderes machen? Etwas neues probieren? Kann ich vielleicht auch einfach meinen aktuellen Job mehr genießen, wenn ich weiß, dass mir die nächste Beförderung oder Gehaltserhöhung egal ist? Einige FI-Blogger, wie z.B. FIRECracker von Millenial Revolution, haben sich bewusst entschieden, die ersten paar Jahre ihres Berufslebens möglichst hart und viel zu arbeiten, um möglichst schnell und möglichst viel Geld ansparen zu können, sodass FIRE schneller erreicht ist als auf einem gemütlicheren Pfad. Für mich ist das eher nichts. Wie ich schon in einem anderen Artikel geschrieben habe, sollte man sich meiner Meinung nach davor hüten, zu viel vermeintliches Glück in die Zukunft zu verschieben.

Lean FIRE

Knäckebrot
Wer sich zukünftig nur noch von Knäckebrot ernähren will und bloß keine Aufregung in seinem Leben braucht, der hat mit Lean FIRE schon alles erreicht 😉

Ähnlich wie bei Barista FIRE hat man für Lean FIRE schon eine ganze Menge Geld angespart. Dieses Vermögen generiert jetzt genug passives Einkommen, dass man überleben kann. Die Miete ist bezahlt, Nebenkosten sind auch drin (man muss also im Winter nicht frieren) und auch hungern muss man nicht. Urlaube und Restaurant- oder Kinobesuche sind bei diesem Einkommensniveau allerdings noch nicht drin. Kombiniert man aber sein Lean FIRE-Einkommen mit einem Nebenjob (z.B. einem „450€-Job“ oder einer neuen Selbstständigkeit als freiberuflicher Autor, Grafikdesigner, etc.), dann sollten auch diese Extras drin sein. Lean FIRE ist eine super Absprungbasis, wenn man schon immer ein eigenes Unternehmen gründen wollte, aber die finanziellen Risiken bisher gescheut hat. Oder wenn man eigentlich gerne einen kreativen Beruf ergriffen hätte. Je nachdem, welche Zukunftspläne man hat, kann Lean FIRE also ein ziemlich einschneidender Meilenstein sein.

Flex FIRE und Mini-Retirements

Warum sollten nur Rentner das Recht haben, vom Campingstuhl aus den Sonnenuntergang zu genießen?

Ähnlich wie bei Lean FIRE geht es bei Flex FIRE oder Mini-Retirements (phasenweisem Wechsel zwischen Arbeit und Rente) darum, mehr Flexibilität für das eigene Leben zu gewinnen. Ist man nämlich tatsächlich als Barista bei Starbucks angestellt, ist die Flexibilität gar nicht so groß, wie man zuerst denken könnte. Denn der Chef erstellt den Schichtplan und muss die eigenen, begrenzten Urlaubstage genehmigen. Ein phasenweiser Ausstieg (für einige Monate am Stück), ist dann vielleicht besser geeignet, den Traum von der Weltreise zu verwirklichen. Allerdings muss man sich bei diesen Plänen überlegen, auf welche Einnahmequellen man wirklich auch in Zukunft immer wieder bauen kann (klassische Arbeitgeber sind wahrscheinlich im Vorstellungsgespräch eher skeptisch, wenn man viele Lücken im Lebenslauf hat) und auf welche Ausgaben man tatsächlich verzichten kann, wenn das flexible Budget mal nach unten gehen muss. Nicht, dass man am Ende doch jedes Jahr die Urlaubsreise aus Budgetgründen streichen muss und einem dann zuhause die Decke auf den Kopf fällt.

FIRE

Ananas mit Partyhut, weil es gibt es jedes erdenkliche Stockphoto gibt – und dazu noch alle, die man sich nicht mal besoffen ausdenken könnte. Egal, hauptsache Paaaaarty!

Die Frage, wann man sich selbst als Financially Independent sieht, ist auch eine philosophische. Hundertprozentige Sicherheit kann einem niemand geben, wie sich die eigenen Investments oder Ausgaben entwickeln werden. Da kann durch neue Gesetze oder Steuern, aber auch durch Krankheit oder persönliche Veränderungen eine Menge passieren bis zum Lebensende. Wie ich mich selbst meiner „FI-Zielzahl“ nähere, beschreibe ich noch in einem eigenen Artikel. Wer finanziell unabhängig ist von seinem Arbeitseinkommen, muss natürlich nicht unbedingt gleich den Stift fallen lassen. Macht die Arbeit Spaß, spricht doch nichts dagegen, noch zu bleiben und das eigene Finanzpolster weiter auszubauen. Natürlich gibt es auch dafür einen eigenen Begriff: FIOR (Financially Independent, Optional Retirement)

Fat FIRE

Dickes Schwein
Politisch korrektes Bild zum Begriff „fett“

Als Pendant zu „Lean FIRE“ gibt es auch noch den Zustand, wo einen wirklich gar nichts mehr aus der Bahn werfen kann. Wer für alle Eventualitäten geplant hat und sich ein ordentliches Sicherheitspolster zusätzlich zu seiner eigentlich benötigten FI-Zielzahl angespart hat, der kann sich über Fat FIRE freuen. Oft wird dieser Begriff auch verwendet, wenn die geplanten monatlichen Ausgaben deutlich über dem Durchschnitt liegen, z.B. bei Summen von 10.000€ oder mehr im Monat. Zum Vergleich: Ein deutscher Durchschnittshaushalt gab 2017 etwas mehr als 2.500€ pro Monat aus für Konsum.

Welche Meilensteine ich bereits erreicht habe, verrate ich im nächsten Artikel.

Welchen Meilenstein hast du schon erreicht auf deinem Weg zu FIRE? Welche willst du gar nicht erreichen? Hast du dir noch andere Meilensteine gesetzt?

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