Wie viel solltest du in dich selbst investieren? // Invest in yourself-Mantra auf dem Prüfstand

Lesezeit: 7 Minuten

Kaum ein Ratschlag begegnet mir im Internet häufiger als „Invest in yourself„. Das klingt auch erstmal logisch. Denn die Investition in das eigene Humankapital kann das eigene Einkommenspotential massiv vergrößern.

Eine Studie aus dem Jahr 2014 fand heraus, dass Ungelernte im Lauf ihres Lebens im Schnitt eine Million Euro verdienen. Akademiker kommen auf mehr als das Doppelte. Bildung zahlt sich also immer aus! Wirklich immer?! Das Invest in yourself-Mantra sehe ich persönlich eher kritisch.

Ernstgemeinter Ratschlag oder versteckter Sales-Pitch?

Nicht nur Finanz-Influencer raten ihren Followern dazu, einen Teil ihres monatlichen Budgets in die eigene Fortbildung zu investieren. Auch sämtliche „Erfolgscoaches“, Vertriebstrainer oder Fitness-Influencer propagieren diese Binsenweisheit. Meist ist dieses Mantra hier allerdings nur eine geschickte Überleitung in den Verkaufsprozess: für den eigenen Online-Kurs, andere Produkte wie eBooks oder Nahrungsergänzungsmittel oder ein hochpreisiges Coaching.

Diese Investition wird sich garantiert auszahlen für dich! Du wirst dich nur ärgern, dass du nicht bereits früher in dich investierst hast! Wenn du dafür Schulden aufnehmen musst, kein Problem! Denn Investitionen in sich selbst sind ja gute Schulden!

Wer den Komfort eines strukturierten Kurses schätzt, Zeit sparen möchte oder auch einfach seinen Lieblings-Creator unterstützen möchte, sollte sich für die beworbenen Lernangebote entscheiden. Aber dafür verschulden? Das halte ich für eine ganz schlechte Idee.

Wie hoch ist dein Return on Investment wirklich?

Die Mär von guten Schulden wird zu gerne genutzt, um alle möglichen sinnlosen Kurse, Coachings und Fortbildungen zu verkaufen. Wie die oben erwähnte Studie zum Lebensarbeitseinkommen zeigt, kann eine Ausbildung bzw. ein (akademischer) Berufsabschluss ein starker Booster für das eigene Einkommen sein. Doch gilt das ebenso für einen siebenteiligen Videokurs zum Thema Optionstrading? Oder ein eBook für dein optimales Money-Mindset?

Bevor du mit der Ich-investiere-hiermit-ja-in-mein-Humankapital-Denkweise blind Geld für unnütze Kurse ausgibst, frag dich: Wie hoch ist mein Return on Investment (RoI) durch diese Fortbildung tatsächlich? Wirst du mit Abschluss dieser Fortbildung tatsächlich mehr Geld verdienen? Wenn ja, wie? Dein Arbeitgeber wird dein Gehalt höchstwahrscheinlich nicht automatisch mit jedem abgeschlossenen Kurs erhöhen…

Vorhandene Förderungen sind ein Qualitätsmerkmal für sinnvolle Fortbildungen

Meiner Erfahrung nach fördern viele Arbeitgeber sinnvolle Fortbildungen ihrer Angestellten finanziell – oder zumindest mit Sonderurlaub. Denn dein Arbeitgeber profitiert in diesem Fall auch von deiner gestiegenen Qualifikation nach Abschluss der Weiterbildung. So ähnlich, wenn auch in deutlich abgeschwächter (und leider oft unlogischeren) Form verhält es sich auch bei Arbeitslosen, Umschulungen und der Arbeitsagentur.

Wenn ein Arbeitgeber eine spezielle Fortbildung nicht fördert, ist das meist auch ein Zeichen dafür, dass sich der Abschluss für das Unternehmen – und damit auch für dich – finanziell nicht auszahlen wird. Möglicherweise kannst du durch einen Jobwechsel doch noch von der höheren Qualifikation profitieren. Aber auch hier musst du dich fragen: Wie realistisch ist das? Bin ich wirklich bereit, für ein höheres Gehalt den Job zu wechseln? Bekomme ich durch diese spezielle Fortbildung tatsächlich bessere Jobangebote? Und in welchem Verhältnis steht das zusätzliche Gehalt zu den Kosten der Fortbildung?

Land der Dichter und Denker und Zertifikate

Ein Online-Kurs kann pädagogisch und inhaltlich noch so gut sein: In Deutschland zählt (leider) häufig nur, ob du einen offiziellen Schein bzw. ein anerkanntes Zertifikat für den Abschluss vorweisen kannst. Das tatsächlich erworbene Wissen und dessen Praxisrelevanz interessiert kaum.

Das kann ich als Physik-Bachelor und Economics-Master aus erster Hand bezeugen. Für alle meine Jobs seit Abschluss des Studiums ist das Wissen aus meinem Physikstudium komplett irrelevant. Trotzdem sind viele Arbeitgeber beeindruckt von diesem vermeintlich „schwierigen Studium“. Mein Abschlusszeugnis hat auf dem Arbeitsmarkt also einen vergleichsweise hohen Wert, obwohl die fachlichen Inhalte des Studiums keinerlei Bezug zu meiner Tätigkeit besitzen. Traurig, aber wahr – diese Realität muss man also bei jeder RoI-Rechnung berücksichtigen.

Lernen ist häufig kostenlos, aber nie umsonst

Lernen muss nichts kosten. Gerade das Wissen, was Influencer über Finanzen oder Online-Geld-verdienen in Kursen vermitteln, ist meist auch kostenlos verfügbar. Man muss dann eben etwas mehr Zeit und Eigeninitiative mitbringen, um es zu finden und zu verstehen.

Die Mediatheken von ARD und ZDF und den anderen öffentlich rechtlichen Sendern bieten tagelangen Content, mit dem man seine grauen Zellen auf Trab bringen und gleichzeitig unterhalten werden kann. Auch auf YouTube schaue ich persönlich gerne alle möglichen Arten von Edutainment. Wer lieber mit vorgegebenem roten Faden lernt, dem bieten Unternehmen wie Coursera, Udemy, Google Academy, LinkedIn Learning oder Skillshare kostenlos oder für wenige Euro im Monat eine riesige Auswahl an strukturierten Kursen zu jedem denkbaren Skill, den man beruflich oder privat brauchen könnte.

Nie war es einfacher, sich weiterzubilden. Ich selbst versuche jede Woche etwas Neues zu lernen. Wissensaufbau ist ein wichtiger Teil meiner Vision für mein Leben. Teure Kurse brauche ich dafür nicht. Ich sehe lernen auch nicht als Investition in mein Humankapital. Für mich ist Lernen ein Hobby, das mir Freude bereitet und gleichzeitig fast so etwas wie eine Notwendigkeit für mich, um mich wohl und gesund zu fühlen.

Höher, schneller, weiter – muss das sein?

Das Investier-in-dich-Mantra vermittelt für mich eine sehr eingeschränkte Sicht auf das Thema Lernen. Auch wenn ich dafür plädiere, die Rendite von Investitionen in das eigene Humankapital genau auf den Prüfstand zu stellen, finde ich auch das genaue Gegenteil richtig. Du wolltest schon immer ayurvedisch Kochen lernen? Ein Yoga-Schnupperkurs auf Bali steht seit Jahren auf deiner Bucket List? Dann los!

Nicht alles im Leben darf darauf ausgerichtet sein, ständig „sein Humankapital zu erhöhen“. Höher, schneller, weiter – das muss doch nicht sein. Daher finde ich es umso absurder, wenn auch Freizeit- und Entspannungsangebote mit dem Investier-in-dich-selbst-Slogan verkauft werden. Klar, ein regelmäßiger, aktiver Ausgleich zur Erwerbsarbeit hilft erwiesenermaßen dabei, wieder mit mehr Energie zu arbeiten. Aber die Produktivitätssteigerung darf doch nicht der Hauptgrund dafür sein, dass man sich auch mal Entspannung „gönnt“. Freizeit, Hobbys und Interessen dürfen völlig ohne monetären Nutzen sein – und sollten es aus meiner Sicht sogar. Denn dass „Mach dein Hobby zum Beruf, dann musst du keinen Tag mehr arbeiten“ auch furchtbar schiefgehen kann, lässt sich wirklich überall in Geschichten von Betroffenen nachlesen.

Mein Rat wäre also: Nicht jeder Kauf oder Kurs muss eine sinnvolle Investition sein. Die Maximierung deines Humankapitals darf nie deine einzige Maxime im Leben sein. Wenn du etwas allerdings tatsächlich als Investition verbuchen willst, dann stelle sicher, dass du auch die gewünschte Rendite tatsächlich bekommen kannst.

Invest in yourself mal anders: The Libermans Company

Neulich ist mir durch einen Artikel im New Yorker, den ich bei Nerd-bloggt.de gesehen habe, eine verrückte Zuspitzung des Verständnisses von Humankapital über den Weg gelaufen: The Libermans Company. Die vier Liberman-Geschwister David, Daniil, Anna und Maria haben 2021 gemeinsam eine Firma gegründet, die ein bisschen wie ein Hedgefonds funktioniert. Ein Hedgefonds investiert nicht direkt in Aktienunternehmen, sondern in andere Aktienfonds. Mit Liberman Co investiert man auch nicht in eine einzelne Firma, sondern in alle derzeitigen und zukünftigen Firmen, welche die vier Geschwister in den nächsten 30 Jahren gründen werden. Zudem profitieren die Aktionäre von den Zuwächsen im Investmentvermögen der Geschwister sowie Gehaltszahlungen, Boni oder Provisionen aus Angestelltenverhältnissen.

Natürlich dürfen die vier Geschwister jeweils einen Teil ihres Verdienstes zum Leben und Konsumieren nutzen (aktuell 300 Tsd. Dollar pro Jahr). Auch ihr aktuelles Vermögen und jeweils ein Haus bleiben außerhalb der Firma in Privatbesitz. Doch der Großteil ihres zukünftigen Vermögens soll innerhalb der Firma entstehen oder dorthin übertragen werden.

Mehr als ein normaler Hedgefonds: Der Humankapital-Hedgefonds

Ich investiere als Aktionär von Libermans Co nicht einfach in ein Startup der Geschwister oder eine Sammlung von Firmen (wie bei einem Aktienfonds), sondern quasi in die vier Menschen selbst. Durch ihren persönlichen „Börsengang“ konnten die russischstämmigen Geschwister genau wie ein Unternehmen Geld einnehmen, das sie jetzt in ihre Gründungen und Projekte investieren.

Der Vorteil im Vergleich zu einem direkten Funding des derzeitigen Startups der Brüder (namens „Product Science“) ist allerdings, dass sie die Kontrolle über die Firma und alle zukünftigen Projekte behalten können, ohne dass ihnen Investoren inhaltlich reinreden. Stattdessen haben sie aber ihr Leben bzw. ihr Humankapital an Investoren verkauft.

Bei den Investoren besteht auf Basis der bisherigen (recht beeindruckenden) Lebensläufe der Geschwister die Fantasie, dass deren Humankapital in den nächsten 30 Jahren eine sehr schöne Rendite abwerfen wird. Man wird sehen, wie sich The Libermans Company entwickeln wird. Bei Menschen, die sich selbst als „futurists“ bezeichnen bin ich – vielleicht zu Unrecht – etwas skeptisch.

Ein spannendes Konzept, aber…

Der New Yorker-Artikel ist aber auf jeden Fall ein spannendes und gelungenes Portrait der beiden in Los Angeles lebenden Brüder, die die treibende Kraft hinter der Firma und ihrer Idee einer People Company zu sein scheinen. Ihre Vision ist es, mit dieser neuen Art, Rendite aus Humankapital zu schlagen, die Welt fairer und besser zu machen. Jeder Mensch könne so sein volles Potential entfalten, ohne davon zurückgehalten zu werden, früh im Leben zu wenig Zugang zu Investitionskapital zu erhalten.

Für mich klingt das Konzept allerdings eher nach Dystopie. Aus meiner Sicht besteht Potential für modernes Sklaventum, wenn einzelne Investoren erfolgsversprechenden High Potentials ihre mögliche zukünftige Rendite gegen Zahlung von Einmalbeträgen in jungen Jahren abkaufen können. Denn wer eine konkrete gute Idee hat, kann dafür doch bereits heute versuchen, Venture Capital Funding zu erhalten. Venture Capital für’s eigene Humankapital halte ich da eher für eine Perversion des Kapitalismus. Maximal noch kann es eine verrückte Idee für besonders geniale Serial Entrepreneurs werden. In Normalos wie mich würde aber wohl sowieso niemand investieren, da es als Angestellte kaum Upside für hohe Rendite gibt. Aber ich würde meine nächsten 30 Jahre auch gar nicht erst zum Verkauf anbieten.

Würdest du dein zukünftiges Humankapital gerne an die Börse bringen? Welche Investition (in dich selbst) hat sich für dich so richtig ausgezahlt? Legst du einen festen Teil deines Einkommens für Weiterbildung zur Seite? Wenn ja, wie viel? Wenn nein, warum nicht?

6 Replies to “Wie viel solltest du in dich selbst investieren? // Invest in yourself-Mantra auf dem Prüfstand”

  1. „Lernen ist häufig kostenlos, aber nie umsonst“ bringt es auf den Punkt! Man sollte neugierig und wissbegierig durchs Leben gehen und immer offen für Neues bleiben.
    Wer das als Argument ausnutzt, um seine eigenen Kurse zu verkaufen, kann womöglich nicht mit den Kursinhalten selbst überzeugen. Und wie du sagst, einen Großteil der Informationen kann man sich kostenlos beschaffen. Gute Firmen investieren auch gerne in fundierte Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Aber auch da wird jeder Kurs genau unter die Lupe genommen und Trainer, die nicht gut sind, bekommen keine Folgeaufträge. Und zu einem guten (Online-)Training gehört nun mal mehr, als 7 einstündige Frontalberieselungssessions.

    1. Ich habe bei meinen Arbeitgebern schon echt richtig gut, aber leider auch schon ziemlich schlechte Trainer erlebt. Die Personaler, die Trainings verwalten, wissen manchmal leider nicht so genau, welche Inhalte wirklich relevant sind. Aber mit der Zeit wird das dann meist durch das eingesammelte Feedback zu den Trainings/Trainern sukzessive besser – immerhin!
      Viele Grüße
      Jenni

  2. Ich stehe dem Thema Kurse/Seminare und Coaches auch sehr zwiegespalten gegenüber. Die „Aufforderung“ von Bodo Schäfer und Co. ein Bildungsbudget zu haben klingt ja erstmal gut und sinnvoll, aber sehr schnell bleibt die Frage, wofür dieses Budget denn (sinnvoll!) ausgegeben wird.
    Ein Kurs bei einem der vielen Finanzblogger/-gurus/-influencern, die man seit langem verfolgt? Aber mein ETF Sparplan läuft schon seit dem zweiten Monat, den ich die Blogs lese, was also werden die mir neues erzählen?
    Das Networking bei solchen Events ist zwar auch interessant, aber x00€ ausgeben, nur um Leute kennen zu lernen, die genau so viel/wenig über Finanzen wissen wie ich (denn sonst wären die ja nicht bei so einem Event)? Und dann die Kosten. 10-30€ für das Buch, das dann 100+ Blogartikel anschaulich zusammenfasst und logisch verknüpft finde ich unter Umständen gut investiert. Aber 300-2500€ (oder wie teuer ist Natascha aktuell?) für den Inhalt von kostenlosen Blogs?
    Andererseits, „was nichts kostet, ist auch nichts wert“. Und bei dem einzigen Finanzseminar, das ich bisher besucht habe, kam noch ein anderer interessanter Aspekt auf: Die Kosten als Einstiegshürde bzw. Motivationsgarant. Bei einem Kurs für 50-100€ würden auch vermehrt unmotivierte oder gar Trolle sitzen, die rumstänkern oder den einen „Geheimtipp“ haben wollen. Wenn man aber nennenswert Geld in die Hand nimmt, dann zeigt das Interesse und Bereitschaft und man ist Motiviert, aus dem Seminar was für einen mitzunehmen und damit ganz anders bei der Sache.

    Wenn ich ein ganz konkretes Ziel habe und weiß, wo mir Wissen fehlt, dann ist ein entsprechendes Seminar sicherlich sinnvoll. Aber „einfach so“ Kurse besuchen, weil man damit ja sein Humankapital steigert? Oder gar Schulden aufnehmen? Für mich ein no-go!

    1. Hallo Timo,
      Nataschas Madame Moneypenny Kurs kostet inzwischen deutlich über 5.000€. Finde ich schon fast unverschämt in Kombination mit diesem Investier-in-dich-selbst-Feigenblatt. Mir ginge es genauso: wenn ich jeden Monat X Euro für Weiterbildung ausgeben müsste (weil es ein fester Budgetposten ist), würde mir ziemlich schnell nichts sinnvolles mehr einfallen. Und das, obwohl ich gerne lerne und dafür auch bereit bin, Geld auszugeben – wenn es Sinn ergibt.
      Viele Grüße
      Jenni

  3. Ich halte das Thema Investition ins eigene Humankapital mit Kursen etc. für in der Regel völlig überbewertet. Alles was nicht vom Kaliber weiterer Studienabschluss/Promotion ist interessiert nicht wirklich oder zumindest nicht finanziell spürbar.
    Viel wichtiger aus meiner Sicht: sich auch außerhalb seiner Arbeit über das Thema in der Arbeit informieren und aktuelle Entwicklungen kennen. Ausserdem bei neuen Themen und Herausforderungen immer hier schreien. Bei Beidem lernt man kostenlos viel neues dazu und positioniert sich bestens für die eigene Karriere mit entsprechendem ROI.
    Für Kurse zahle ich nur wenn mich das Thema privat interinteressiert, aber auch da bisher nur „nette“ Kurse erlebt, keinen der unverzichtbar gewesen wäre.

    1. Hallo Lejero,
      stimme dir 100% zu – gerade weil Deutschland so vernarrt ist auf offizielle Zertifikate, hat irgendein nicht anerkannter Kurse (und da kann er noch so gut sein) so gut wie keinen Effekt auf das eigene Humankapital im Sinne von Einkommenspotential.
      Learning by doing (durch freiwillig neue Aufgaben übernehmen) ist auch für mich ein Erfolgsrezept.
      Viele Grüße
      Jenni

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