Was bedeutet lebenslanges Lernen für dich? // Motivation & Voraussetzung für FIRE

Lesezeit: 6 Minuten

Auf den ersten Blick wirkt es so, als hätte lebenslanges Lernen nichts mit FIRE bzw. Finanzen zu tun. Für mich persönlich sind diese beiden Themen allerdings eng verwoben. In den letzten Wochen gab es mehrere Erlebnisse, die mir das noch einmal vor Augen geführt haben.

Lernen lernen als Zukunftsskill?

Mein Arbeitgeber wird ein neues Lernprogramm an den Start bringen, bei dem ich gerade am Pilotfeld teilnehme und Feedback geben soll. In kurzen Modulen sollen verschiedene Zukunftsskills wie „Digitalisierung verstehen“ oder „Entscheidungen treffen“ vermittelt werden. Die Empfehlung ist, mit dem Modul zu „Lernen lernen“ anzufangen. Klingt erstmal logisch, denn wer nicht weiß, wie er lernt, lernt ja auch aus den anderen Modulen nichts…

Kann man (lebenslanges) Lernen lernen?

Allerdings hat mir dieses Modul wirklich überhaupt nicht gefallen. Zum einen, weil die Inhalte und Ratschläge eher für „klassisches“ Lernen in Schule und Studium geeignet waren (z.B. Karteikarten, Bilder-Assoziationen, Pomodoro-Methode) statt für den Berufsalltag von Erwachsenen. Wer nicht nebenbei studiert, wird wohl kaum in die Situation kommen, sich kurzfristig viele Zahlen oder Fakten merken zu müssen – außer es sind die Namen von Gesprächspartnern. Dabei hilft mir aber auch die Loci-Methode wenig?!

In meinem Arbeitsalltag lerne ich ständig Neues dazu. Aber nicht, indem ich lange Texte lese und dann Zusammenfassungen schreibe oder mit Karteikarten Vokabeln pauke. Das Lernen ist viel mehr in den Tag integriert. Oder auf kurze, dedizierte Reflektionsphasen konzentriert statt wie im Studium auf ganze Tage oder Wochen vor den Prüfungen. Dementsprechend ist auch die Art zu Lernen für mich inzwischen eine ganz andere: Fallstudien, Wettbewerbsbeispiele und vor allen Dingen Ausprobieren haben bei mir eine viel höhere Relevanz. Am besten lerne ich durch die Diskussion und den Austausch mit Anderen. Diese Themen werden in dem Training kaum behandelt.

Kann man Lernen lieben lernen?

Mein zweiter (und größerer) Kritikpunkt an der Aufbereitung dieses Themas in diesem speziellen Training war jedoch die Prämisse, auf der das Training beruhte: Es wurde davon ausgegangen, dass ich als Lernender noch gar nicht weiß, wie ich effektiv und effizient lernen kann – und dass es mir daher auch gar keinen Spaß macht! Diese Haltung sieht man gut in diesem Zitat aus dem Training:

Hast du auch schon einmal die ganze Nacht durchgelernt und dann trotzdem eine Vier geschrieben?

Diese Suggestivfrage muss ich ganz klar mit Nein beantworten. Meine Klassenlehrerin in der fünften Klasse hat uns damals beigebracht, unseren Lerntyp und dazu passende Lernstrategien kennenzulernen. Ich hatte daher nie ein Problem damit, zu lernen und musste somit auch nie Nachtschichten einlegen. Das wäre für mich persönlich kontraproduktiv.

Rückblickend finde ich es super, dass ich mich mit diesem Thema schon so früh in meinem Leben beschäftigen konnte. Denn als 11-Jährige ist genau der richtige Zeitpunkt, Lernen zu lernen. Vielleicht haben diese Unterrichtseinheiten damals auch dazu beigetragen, dass ich es liebe, Neues zu lernen. Ich habe nie ein Motivationsproblem, sondern freue mich richtig darauf, wenn mein Gehirn gefordert wird und durch neues Wissen wächst.

Die Prämisse des Trainings, dass die meisten Menschen nicht gerne lernen, halte ich für falsch. Vokabeln pauken macht sicherlich niemandem richtig viel Spaß. Aber wenn man sich vor Augen führt, wofür man dies macht (Auslandsaufenthalt, Lieblingsserie in Originalsprache verstehen, etc.) und erste Erfolge erlebt, geht es doch gleich ein wenig leichter. Immerhin war genau das auch die Empfehlung / Erkenntnis in diesem Trainingsmodul. Dafür hätte man meiner Meinung nach aber nicht zuerst Lernen „schlecht reden“ müssen.

Wissen in der Wissenschaft

Neben vielen Trainings und Forschung zu verschiedenen Lernmethoden und -strategien gibt es inzwischen auch einige wissenschaftliche Erkenntnisse zu der Frage, wie Wissen überhaupt entsteht und wo unser Wissen herkommt. Hierzu habe ich im Alumni-Newsletter meiner Universität vor ein paar Tagen eine sehr spannende Vortragsreihe entdeckt.

Beim ersten Lesen des Titels dieser Ringvorlesung habe ich durch die Omnipräsenz von Corona in den Nachrichten in den letzten Jahren zunächst nicht verstanden, worum es geht: „Geltungskulturen – Genesen und Genealogien neuzeitlichen Wissens„. Statt um Geimpfte und Genesene geht es hier um die Genesis also die Entstehung von Wissen. Einfacher formuliert geht es um die Fragen: Was gilt als Wissen und wieso? Warum und unter welchen Umständen wird Wissen als Wissen akzeptiert – oder nicht? 

Mit diesem Thema habe ich mich schon im Rahmen meines Studiums in einem interdisziplinären Seminar beschäftigt, in dem ich gemeinsam mit einer Geschichtsstudentin eine Hausarbeit bzw. Vortrag erarbeitet hatte, in dem wir die Struktur einer bekannten „Enzyklopädie“ des Mittelalters (die eher eine kommentierte Landkarte war) mit Wikipedia verglichen haben. Superspannend!

Keine Zeit zum Lernen?

Ich würde diese Ringvorlesung sehr gerne verfolgen, um noch mehr über die Meta-Ebene von Wissen zu lernen. Leider findet sie immer freitags um 11 Uhr ct statt. Das ist mit meinem Terminkalender bei der Arbeit nicht sinnvoll vereinbar.

Genau hier ist für mich der Bezug zu FIRE! In meiner Vision für mein Leben spielt das Themen Lernen und Wissen eine zentrale Rolle. Wenn ich nicht mehr arbeite, habe ich mehr Zeit für das, was mich wirklich erfüllt: Wissenserwerb und Lernen. Dann habe ich Zeit für alle spannenden Ringvorlesungen und studiere vielleicht auch noch einmal.

Learning on the job

Auch wenn meine bisherigen Arbeitgeber mir immer viele Chancen gegeben haben, durch formelles Training und informell dazuzulernen und mich weiterzubilden, zahlt einem natürlich niemand Geld dafür, nur mehr zu lernen bzw. zu studieren. Für Arbeitgeber ist – verständlicherweise – vor allen Dingen die Anwendung von erlerntem Wissen zur Erzielung von konkreten Ergebnissen wertvoll. Und da gilt in vielen Berufen, dass man umso besser ist, desto mehr Erfahrung man mit einer speziellen Aufgabenstellung ist.

Übung macht den Meister!

Der Spruch gilt natürlich nicht nur für den Beruf, sondern auch für’s Lernen selbst. Je häufiger man sein Gehirn darin trainiert, Neues zu lernen, desto leichter fällt das Lernen meiner Erfahrung nach. Ich mache tatsächlich sehr gerne verschiedene „Gehirnjogging“-Aufgaben, aktuell z.B. spiele ich fast täglich die Wortspiele Wordle, Quordle und Semantle, versuche den aktuellen Song des Tages innerhalb von maximal 16 Sekunden zu erkennen oder löse Sudoku aus dem Cracking the Cryptic-Buch (das inzwischen tatsächlich eingetroffen ist!).

Mentale und körperliche Fitness – was ist wichtiger?

Genauso wie es wichtig ist, seinen Körper fit zu halten (worin ich ehrlicherweise nicht so gut bin…), ist es auch wichtig, seinen Verstand fit zu halten. Das geht am besten, indem man seinem Kopf immer wieder neue Herausforderungen bietet und viele neue Reize und Impulse aufnimmt. Für mich ist es eine absolute Horrorvorstellung, dass meine mentale Kraft im Alter irgendwann abnehmen wird. Ganz verhindern kann man dies genauso wenig wie äußerlich sichtbares Altern. Um meinen „FIREabend“ noch möglichst lange genießen zu können, ist mir eine hohe geistige Fitness allerdings sehr wichtig.

Das Thema Finanzen ist eins der Themen, über die ich mich gerne fortbilde. Auf meinen Weg zu FIRE lerne ich ständig etwas dazu – sei es durch neue Blogartikel über spannende mathematische Erkenntnisse zu Entnahmestrategien, interessante Publikationen über die Psychologie der Börse und des Investierens oder einfach durch die Reflektion über meine eigene Risikobereitschaft und andere Gefühle, die meine Finanzen beeinflussen. Aus meiner Sicht ist FIRE nicht erreichbar, indem man einmal einen Plan aufstellt und diesen dann ohne Änderung jahrzehntelang befolgt und abarbeitet. So genau kann man die wirtschaftlichen Entwicklungen wie z.B. aktuell die Inflation sowieso nicht voraussagen. Stattdessen lerne ich ständig dazu und passe meinen Plan Stück für Stück und flexibel an.

Lernen und FIRE sind für mich somit auf mehrere Arten eng verknüpft – idealerweise ein Leben lang.

Was bedeutet lebenslanges Lernen für dich? Lernst du gerne? Machst du regelmäßig Gehirnjogging-Aufgaben? Wie hältst du deinen Kopf noch fit? Hand auf’s Herz: Ist für dich mentale Fitness oder körperliche Fitness wichtiger, wenn du dich für eins von beidem entscheiden müsstest?

3 Replies to “Was bedeutet lebenslanges Lernen für dich? // Motivation & Voraussetzung für FIRE”

  1. Hallo Jenni,
    wieder mal ein schön geschriebener Blog-Artikel! Ich seh das so wie du, FIRE und mentale Fitness sowie lebenslanges Lernen gehen Hand in Hand. Wenn man den mentalen Input der Arbeit während des von dir treffend genannten FIREAbends nicht durch eigene Projekte, eigenes Lernen und neue Erfahrungen ersetzt, wird man sicher schneller abbauen und altern als geistig aktive Arbeitnehmer. Nur Filmegucken und Sofa ist keine sinnvolle Freizeitgestaltung. Ein Aspekt, der bei der Planung des FIREAbends berücksichtigt sein möchte! Je näher ich an FIRE komme, desto wichtiger wird mir der Aspekt „wie halte ich mich körperlich und geistig sinnvoll fit“. Schließlich will ich ja auch was von der Zeit haben und die Zeit nutzen, eine bessere Version meiner selbst zu werden 🙂

    Um auf deine Fragen einzugehen:
    Ich wäre lieber geistig voll da, mit körperlichen Einschränkungen, als ein Adonis mit geistigen Einschränkungen… Wenn man es richtig macht, ist man körperlich fit und begünstigt damit auch seine geistige Fitness. Viele geistig sehr fitte Menschen sind auch körperlich fit.

    Ich möchte mich mit Büchern und Bau- sowie Bastelprojekten fit halten. Und nebenher vielleicht mein Wissen noch aktiver teilen. Aktuell gebe ich ganz allgemeine VHS Kurse zu Aktien und ETFs, in Zukunft möchte ich auch Wissen über meine eigentlichen, technischen Fachgebiete weitergeben. Und vielleicht kehre ich der Arbeit nicht komplett den Rücken sondern reduziere nur die Arbeitszeit, da mir meine Themengebiete Spaß machen. In dem Fall hätte mir FIRE dann die Möglichkeit verliehen, meinen Arbeitsplatz so zu formen wie ich es für richtig halte.

    1. Das mit den VHS-Kursen ist ja spannend! Wer kommt da so in deinen Kurs?
      Ich hatte schon länger überlegt, mal in einem Jugendtreff in meinem Viertel nachzufragen, ob Interesse an einem Finanzkurs besteht. Wie bist du zu deiner Dozentenrolle gekommen?
      Viele Grüße
      Jenni

      1. Hi Jenni,
        da kommt bei mir jung und alt…vom Schüler bis zum Rentner hab ich schon alle da gehabt 🙂 bisher wegen Corona immer nur über Teams, in Gruppen von 20 bis 40 Leuten. Ich bin einfach auf die örtliche VHS zu gegangen und habe denen das angeboten und seitdem schon drei Mal referiert 🙂 inzwischen bin ich da etabliert und halte einmal pro Semester meinen Kurs.

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