Verändert sich durch die hohe Inflation deine Investmentstrategie? // Anlagehorizont & Geduld

Lesezeit: 4 Minuten

Eine Frage, die mir in letzter Zeit häufig begegnet ist: Sollte ich meine Investmentstrategie auf Grund der hohen Inflation anpassen? Die Frage nach einer geänderten Vorgehensweise wird insbesondere in Kombination mit der schlechten Performance der Aktienmärkte in diesem Jahr gestellt.

Auch einige Finanzblogger haben sich dem Thema schon gewidmet. Zuletzt hat Albert Warnecke, auch bekannt als Finanzwesir, einen Blog-Artikel dazu geschrieben. Allerdings kam mir dieser dann doch schnell eher wie eine Verkaufsveranstaltung für seine Alpha-Fonds vor.

Dieser Teil des Artikels war allerdings auch gar nicht für mich gedacht, denn Albert schiebt folgenden Absatz voraus (Hervorhebung in kursiv von mir):

Zwischenfrage: Kann man das nicht aussitzen?

Na klar. Wer minus zehn bis minus fünfzehn Prozent nicht aushält, hat am Kapitalmarkt nichts verloren. Und die minus 18 Prozent im Nasdaq sind halt blöd. […]

Wir verabschieden uns dann hier von den eisenharten Aussitzern mit dem endlosen Zeithorizont.

Wir anderen schauen mal, ob die Alpha-Fonds das Versprechen der Unkorreliertheit gehalten haben.

Quelle: Finanzwesir-Blog

Ich bin stolz, ein eisenharter Aussitzer zu sein

Tatsächlich ändert die hohe Inflation oder schlechte Performance der Aktienmärkte seit Jahresbeginn nichts an meiner Investmentstrategie. Für mich persönlich ist eine 100% Aktienquote, angelegt in einem global diversifizierten ETF-Portfolio, weiterhin und auch in Zukunft die beste Wahl. Denn obwohl mein Zeithorizont nicht endlos ist (was ist das schon im Leben?), ist er noch lang. Sehr, sehr lang.

Mein FIRE-Plan sieht vor, dass ich in 13 Jahren – im Alter von 45 – in Rente gehen möchte. Aber für mein Portfolio bedeutet dieser Wechsel von der Anspar- zur Entnahmephase kaum etwas. Natürlich verändert sich an dem Depotstand durch die Entnahmen etwas. Aber an der Strategie, auf ein breit diversifiziertes ETF-Portfolio zu setzen, ändert sich nichts. Denn im Gegensatz zu älteren Rentnern, die möglicherweise „nur“ noch mit einem 30-jährigen Anlagehorizont für ihr Portfolio rechnen, rechne ich mit 60 Jahren – ab Rentenbeginn. Bei diesen Zeitspannen ist der Unterschied zwischen „endlich“ und „endlos“ oft nur noch im Nachkommabereich von Strategien zu finden.

Vor mir liegen also – von heute aus gesehen – noch über 70 Jahre, in denen mein Depot Zeit hat, temporäre Verluste wieder auszugleichen. Ein nicht so gutes Jahr, wie 2022 bisher eins ist, spielt bei so einer langfristigen Betrachtungsweise also nur eine untergeordnete Rolle. Das heißt nicht, dass ich mich gar nicht darüber ärgere, dass mein Depot seit Jahresbeginn jede neue monatliche Sparrate eigentlich durch weitere Verluste direkt „auffrisst“. Aber es heißt eben, dass ich aus diesem negativen Gefühl keine Kurzschlusshandlung oder einen Strategiewechsel ableite.

Eine solide Strategie als Basis für einen entspannten Umgang mit turbulenten Marktphasen

Ich weiß, dass Aktien langfristig gesehen der beste Schutz gegen Inflation sind. Kurzfristig gesehen oder auf Einzelaktien-Basis ist das nicht unbedingt wahr. Es kann hohe Inflation geben (wie aktuell) und gleichzeitig sinkende Kurse (wie aktuell). Denn die Unternehmen, die mit steigenden Preisen für Rohstoffe zu kämpfen haben, müssen erst einmal die Preise erhöhen (können), um wieder auf den gleichen Gewinn kommen zu können.

Eine Preiserhöhung ist nur dann möglich, wenn auch die Konsumenten bereit sind, mehr Geld für das Produkt auszugeben. Das Unternehmen braucht also eine Marktmacht bzw. darf es keine guten Alternativen geben. Falls die höheren Preise nur dann durchsetzbar sind, wenn auch die Konsumenten als Arbeitnehmer mehr Geld durch Lohnerhöhungen in der Tasche haben, kann sich eine Lohn-Preis-Spirale ergeben. Zwingend oder monokausal ist so eine Entwicklung aber nicht. In der Volkswirtschaftslehre sind alle zu einfachen Erklärungen zu sehr falsch, um hilfreich bei der Erklärung der tatsächlichen Wirtschaft zu sein.

Für den Aktienmarkt braucht man gute Nerven

Meiner Meinung nach hat man „am Kapitalmarkt nichts verloren“ – wie es der Finanzwesir formuliert – wenn man als Aktieninvestor Schwankungen nicht aushält. Und diese Schwankungen können sehr groß sein. Eine harte Grenze zu ziehen à la „10-15% sind noch okay, aber ab 20% Minus werfe ich dann hin“ ist unsinnig – wenn man wie ich einen solch langen Anlagehorizont hat.

Wer einen kürzeren Anlagehorizont hat, der kann alle möglichen Finanzkonstrukte nutzen, um sich abzusichern vor allzu starken kurz- und mittelfristigen Schwankungen. In diesem Bereich kenne ich mich nicht gut aus, sodass ich die Sinnhaftigkeit einzelner Instrumente nicht bewerten kann. Aber im Vordergrund sollte zunächst die Beschäftigung mit dem eigenen Anlagehorizont und den eigenen Gründen für das Investment stehen. Wenn ich – wie es der Finanzwesir so schön geprägt hat – nur „nicht arm sterben“ möchte, brauche ich als junger Menschen mit Jahrzehnten Lebenszeit und Investmenthorizont vor mir nicht über Inflationssicherungsmöglichkeiten oder Hedges gegen Marktkorrekturen Gedanken machen. Eine gute, durchdachte Strategie, von der ich langfristig überzeugt bin, spart mir schlaflose Nächte und viele unnötige Gedanken. Ich schaue aktuell noch weniger in mein Depot als sonst schon. Und du?

Wie fühlst du dich im aktuellen Marktumfeld mit hoher Inflation und schlechter Jahresperformance? Überdenkst du deine Strategie derzeit? Wenn ja, in welche Richtung möchtest du Änderungen vornehmen? Oder hast du schon etwas geändert? Welchen Anlagehorizont hast du? Welche Rolle spielt dieser für deine Entscheidungen?

4 Replies to “Verändert sich durch die hohe Inflation deine Investmentstrategie? // Anlagehorizont & Geduld”

  1. Hallo,

    in Ermangelung an alternativen Ideen, mache ich einfach weiter. Inflation kann ich nicht ändern, meine Hoffnung ist da nur, dass sich das durch Aktienkurse und Dividenden ausgleicht. Was die Kurse angeht, da bin ich ambivalent. Beim Blick ins Depot freut mich die Sache nicht, beim Nachkauf sieht es anders aus.

    Gruß
    Andy

    1. Hallo Matthias,
      eine feste Zahl habe ich nicht im Kopf. Durch Inflation (und Lifestyle-Inflation) wird sich die nominelle Zahl wahrscheinlich noch verändern. Ich möchte mit einer 3,5%-Entnahmerate in Rente gehen, um mich sicher zu fühlen über den langen Zeitraum. Also im Umkehrschluss 28,5 mal die Jahresausgaben als Ansparziel. Ich nehme an, dass es bis ich 45 bin auf ca. 2 Mio. zukünftiges Geld hinauslaufen wird. Mal schauen.
      Viele Grüße
      Jenni

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