Kann übertriebenes Sparen unsozial sein? // Dunkle Seite von übersteigertem Frugalismus

Lesezeit: 9 Minuten

Es gibt viele gute Spartipps für Finanzanfänger: Ein Haushaltsbuch führen, um überhaupt erst einmal einen Überblick über die eigenen Finanzen zu bekommen. Verträge prüfen, da es bei Konten und Versicherungen oder im Bereich Telefonie häufig die gleiche Leistung für deutlich weniger Geld gibt. Bis vor kurzem galt das auch für den Strom- und Gaspreisvergleich.

Wer sich dann stärker für Frugalismus als Lebens- oder Finanzphilosophie interessiert, beginnt, weitere Bereiche seines Lebens zu hinterfragen. So ergibt sich dann meist auch noch mehr Sparpotential. Zum Beispiel, wenn häufiger zum Fahrrad statt zum Auto gegriffen wird, was Geld spart und gleichzeitig auch noch Gesundheitsvorteile mit sich bringt.

Anfänglicher Übereifer

Ich beobachte allerdings auch, dass viele Frugalisten, gerade am Anfang ihrer Reise in Richtung finanzielle Unabhängigkeit, es dann doch übertreiben. Sparen sollte kein Verzicht sind. Klar spart man viel Geld, wenn man sich nur noch von Reis und Bohnen ernährt – aber was ist das dann für ein Leben?

Wenn man sich ein wenig mit dem Konzept des Frugalismus beschäftigt hat, wird klar, dass es hier nicht nur um eine extreme Form des Sparens geht. Für viele Frugalisten steht vielmehr die Maximierung des eigenen Lebensglücks im Vordergrund. Dafür ist es erforderlich, gesellschaftliche Konventionen zu hinterfragen und sich nicht von Peer Pressure und Lifestyle-Inflation anstecken zu lassen. In den allermeisten Fällen ist das Sparen dann ein gern gesehener Nebeneffekt von mehr selbst machen, mehr reparieren und weniger konsumieren.

Oliver von frugalisten.de ist wohl das beste Beispiel dafür, dass sich im Laufe des Lebens viele Dinge dann doch wieder verändern und sich daher auch das Konsumverhalten ändert. Aber das ist für mich kein „Scheitern“ einer frugalistischen Lebensweise, sondern aus meiner Sicht eher eine Korrektur von übertriebenem Spareifer hin zu einem sinnvollen, reflektierten Konsumverhalten.

Alleine hat man die größte Entscheidungsfreiheit

Häufig verändern sich die eigenen Prioritäten und die Sicht auf die Welt, wenn eine weitere Person, z.B. ein Partner oder Kinder mit ins Spiel kommen. Als Single ist es die eigene individuelle Entscheidung, ob man jeden Tag das gleiche isst, weil es einem schmeckt und auch günstig ist. Es ist als alleinstehende Person allein meine Entscheidung, ob ich meinen Urlaub auf dem Campingplatz oder beim Couchsurfing verbringe. Doch wenn eine weitere Person dazukommt, betreffen die eigenen Entscheidungen auch jemand anderen. Natürlich kann man sich entscheiden, die eigenen Finanzen getrennt von seinem Partner zu halten. Da gibt es viele Modelle, wie man die Ausgaben in einer Beziehung aufteilen kann. Aber keine Entscheidung ist in einer Beziehung und/oder mit Kindern vollkommen losgelöst von anderen.

Schade ich mit übertriebenen Geiz nur mir selbst oder auch anderen?

Allerdings würde ich auch argumentieren, dass es einige frugalistische „Spartipps“ und Praktiken gibt, die völlig unabhängig vom eigenen Beziehungsstatus einen Effekt auf andere haben. Diese sehe ich persönlich eher kritisch. Insbesondere, da diese Effekte auf andere Menschen bzw. die Gesellschaft als Ganzes von manchen Extremsparern ignoriert, kleingeredet oder sogar negiert werden. Manches ist grenzwertig, manches unmoralisch und unsozial und manches sogar illegal. Ein Beispiel:

Lebensmittelverschwendung bekämpfen

Viele Finanzinfluencer bewerben immer wieder die Too Good to Go App. Das ist eine App, mit der man sich bei Restaurants und Bäckereien in der Nähe Überraschungspakete mit nicht verkauften Essensportionen für stark vergünstigte Preise kurz vor Ladenschluss sichern kann. Eine tolle Idee gegen Lebensmittelverschwendung! Insbesondere dann, wenn dieses Essen ansonsten tatsächlich weggeworfen würde. Aber ist das auch tatsächlich immer die Alternative?

Klar, bei einem Sushirestaurant werden die am Abend übrig gebliebenen Maki-Rollen sicherlich nicht mehr an die Tafel gespendet. Denn so schnell wie Sushi mit Fisch verdirbt, kann eine Essensausgabestelle wie die Tafel die gespendete Ware gar nicht an Bedürftige verteilen. Bei Bäckereien, deren Waren in der Regel deutlich länger als einen Tag halten, kann das aber schon anders sein.

Meine persönliche Erfahrung mit vermiedener Lebensmittelverschwendung

Ich habe 2018 im Rahmen eines Livestream-Events mit einer meiner liebsten Back-YouTuberinnen einen großen Kuchen gebacken, der aussah wie eine Pudelmütze. Mir war vorher klar, dass ich diesen Kuchen niemals werde aufessen können. Daher habe mich schon im Vorfeld informiert, ob es eine Möglichkeit gibt, den Kuchen zu spenden. Nach ein wenig Abstimmung hatte ich so die Möglichkeit, den Kuchen in einem Tagesaufenthalt für Wohnungslose zu verteilen. Ein spaßiger Tag mit meinem Hobby Backen für mich und weniger Essensabfall sowie einen kleinen schönen Moment in der Vorweihnachtszeit für Bedürftige.

Genug Kuchen für zwei Fußballmannschaften

Verkauft eine Bäckerei ihre überschüssigen Waren am Ende des Tages über Too Good to Go, ist das für die Bäckerei deutlich einfacher, als an die Tafel oder andere Organisationen für Bedürftige zu spenden. Denn leider gelten Spenden in Deutschland steuerrechtlich trotzdem als Verkauf, sodass Händler am Ende sogar noch drauflegen müssen, wenn sie etwas Gutes tun wollen. Da ist es leider häufig einfacher, die Reste einfach in den Müll zu werfen. Wenn ich als Händler für meine Reste jetzt über die Too Good to Go App auch noch Geld bekomme, ist das für die Anbieter ein Win-Win-Win. Geringere Kosten für die Entsorgung, keine Steuerprobleme wie beim Spenden und sogar ein wenig zusätzlicher Umsatz.

Cui bono?

Die Leidtragenden? Lokale Tafeln, die schon seit Monaten von einer desolaten Versorgungssituation berichten. Damit mich niemand falsch versteht, einmal ganz explizit formuliert: Daran ist natürlich ein vergleichsweise kleines Startup wie Too Good to Go nicht alleine Schuld! Denn die Versorgungssituation hat vor allen Dingen mit den momentanen, teilweise durch die Corona-Pandemie und teilweise durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Problemen bei (globalen) Lieferketten zu tun. Zudem sind viele ukrainische Flüchtlinge als Kunden der Tafeln dazugekommen, sodass ein sinkendes Spendenvolumen auf steigenden Bedarf trifft. Dieser wird durch die hohe Inflation in den nächsten Monaten eher weiter zunehmen als abnehmen.

Statt „Foodsharing“-Apps wie Too Good to Go zu verteufeln, geht es mir bei dieser Kritik um etwas anderes: Nämlich die Frage, ob das eigene (Spar-)Verhalten vielleicht auch negative Konsequenzen auf andere haben kann. Egoistisch gesehen spart man selbst zwar Geld – aber in manchen Fällen geht diese Ersparnis doch auf Kosten anderer. Daher halte ich es für wichtig, sich vor Konsumentscheidungen genau zu überlegen, welche (ungewollten) Konsequenzen diese haben können. Nicht-Konsum ist häufig die „sicherste“ Option, wenn ich negative Effekte auf andere vermeiden möchte. Wer mehr darüber nachdenken möchte, dem empfehle ich die Lektüre des Buchs „Wallet Activism“, das ich bereits auf meinem Blog anlässlich meines No Spend Years rezensiert habe.

„Foodsharing“ mit Anführungszeichen

Warum ich „Foodsharing“ bewusst in Anführungszeichen geschrieben habe, möchte ich durch eine weitere kleine persönliche Anekdote erläutern. Bei einem Spaziergang in meiner Nachbarschaft ist mir vor einigen Monaten ein Hinweis auf ein Foodsharing aufgefallen. Valentina von minimal-frugal empfiehlt Foodsharing auf ihrem Instagram-Account häufig als Spartipp, sodass mir das Konzept bekannt vorkam und der Hinweis mir im Hinterkopf geblieben ist.

Einige Wochen später habe ich bei Gorillas bestellt. Ich wollte dem Lebensmittellieferanten, der angeblich in 10 Minuten liefert, nach einigen enttäuschenden Erfahrungen (und viel Kritik in den Medien) nochmal eine Chance geben. Ich geb’s gerne zu: ich war einfach faul! Neben ein paar normalen Einkäufen habe ich auch einen sogenannten „SOSustainbable Bag“ bestellt, mit dem man – laut Produktbezeichnung – Lebensmittel retten kann, die kurz vor dem Ablauf des Haltbarkeitsdatums stehen. Da ich mich für die vegane Variante dieses Produkts entschieden hatte, erwartete ich auf Basis der Beschreibung vor allen Dingen Obst und Gemüse, das ggf. schon sehr reif und daher nicht mehr für den Verkauf geeignet war. Daraus wollte ich mir einen Obstsalat machen – so jedenfalls meine Illusion.

Bekommen habe ich stattdessen ausschließlich haltbare Produkte, die noch Monate vom Mindesthaltbarkeitsdatum entfernt waren. Eindeutig „Ladenhüter losgeworden“ statt „Essen gerettet“. Jedenfalls konnte ich mit den Produkten nichts anfangen. Zuerst wollte ich die Lebensmittel bei der Tafel abgeben, aber die nimmt in Frankfurt nur wochentags vormittags Spenden entgegen – am anderen Ende der Stadt. Zum Glück habe ich mich dann an den Aushang zum „Foodsharing“ bei mir um die Ecke erinnert und die Produkte dort abgegeben.

Sharing oder Spenden?

Der Begriff „Sharing“, also Teilen, ist aus meiner Sicht relativ irreführend. Vielleicht nutzt man ihn bewusst, um den Bedürftigen nicht so ein schlechtes Gefühl zu geben. Bei mir im Viertel allerdings ist das Foodsharing weit von einer romantischen Vorstellung des Geben-und-Nehmens oder Tauschens entfernt. Es ist einfach ein weiteres Angebot für Bedürftige, gespendete Lebensmittel zu erhalten. Gerade für die, die keinen offiziellen Berechtigungsschein der Tafel bekommen (denn viele Tafeln haben im Moment sogar Aufnahmestopp!), sind solche Angebote bei der aktuell hohen Inflation Gold wert.

Ich würde jedenfalls nie auf die Idee kommen, bei einem Foodsharing Essen wieder mitzunehmen, statt nur welches abzugeben. Damit nehme ich Bedürftigen, die diese Angebote wirklich brauchen, die Chance, ausreichend Lebensmittel zu erhalten. Nur weil es theoretisch möglich ist, durch Foodsharing Geld zu sparen, heißt es nicht, dass man es auch tun sollte, wenn man es sich ohne das Angebot leisten kann. Geld sparen, um die eigene Sparquote zu erhöhen, ist etwas ganz anderes als Geld sparen, weil es gar keine andere Möglichkeit gibt zu überleben.

Ob nah, ob fern

So ähnlich ist es bei einigen anderen Spartipps, die Extremsparer bewerben, die es sich eigentlich leisten könnten. Zum Glück hat es sich schon herumgesprochen, dass billig nicht unbedingt besser ist. Häufig gehen allzu günstig produzierte Waren deutlich schneller kaputt, sodass man am Ende gar nichts spart, sondern doppelt kaufen muss. Aber selbst wenn die Qualität in Ordnung ist, sollte man doch kurz innehalten und überlegen, ob die günstigen Kosten nicht doch zu Lasten eines Anderen gehen: Sei es der Arbeitnehmer, der diese Waren in einem anderen Land zu vielleicht menschenunwürdigen Bedingungen produziert oder auch der abstrakt wirkende „deutsche Staat“.

Der Staat, das sind am Ende wir alle, als Steuerzahler. Schreibt sich ein besonders pfiffiger Frugalist also trotz Vollzeitjob als Alibi-Student ein, nur um damit an das vergünstigte ÖPNV-Monatsticket und Rabatte im Freibad zu kommen, werden die Kosten dieser Vergünstigungen am Ende einfach von allen anderen quersubventioniert.

In diesem Artikel von Unicum mit Spartipps für Studenten wird zwar nicht direkt empfohlen beim Trinkgeld zu sparen, aber schon dazu aufgerufen, ja nicht zu viel Trinkgeld zu geben. Dass es vielleicht genau deine Kommilitonen sind, die in dem Café für ihren Lebensunterhalt jobben, in dem du strategisch mit dem Trinkgeld knauserst, spielt bei der Unicum-Empfehlung leider keine Rolle. Schade!

Cashback =/= Geld zurück Garantie

Ein sehr beliebter Spartipp, den ich selbst auch viel nutze, sind Cashback-Programme und andere Rabattcoupons. Daran sehe ich auch absolut nichts unmoralisches, denn in den meisten Fällen sind diese Vergünstigungen ein fairer Tausch zwischen Konsument und Unternehmen: Daten gegen Rabatt. Das gilt auch für Rabattaktionen wie zum Beispiel Kostenlos-testen-Angebote, bei denen man meistens den Kaufbeleg (und damit sein Kaufverhalten) online hochladen muss, um den Kaufpreis zurück zu bekommen.

Aber bei Geld-zurück-Garantien kommen wir für mich schon in einen Graubereich des Sparens. Viele Unternehmen erstatten Ihren Kunden bei Unzufriedenheit den Kaufpreis zurück, ohne dass das Produkt zurückgesendet werden muss. Wer solche Programme bewusst ausnutzt, um Geld zu sparen, ohne wirklich unzufrieden zu sein, verhält sich meiner Meinung nach unsozial, auch wenn bei einem großen Unternehmen niemand Anderes direkt zu Schaden kommt. Große Konzerne müssen einem nicht leid tun, denn die Preise und Gewinnmargen sind von vornherein so kalkuliert, dass ein gewisser durchschnittlicher Rabatt bereits eingerechnet ist. Aber man muss kein Anhänger von Trickle-down Economics sein, um bewusstes Ausnutzen von solchen Angeboten um des Sparens willen (also obwohl man gar nicht unzufrieden war) trotzdem nicht richtig zu finden.

In die gleiche Kategorie fallen für mich auch Menschen, die Produkte kaufen und nutzen und dabei schon vorher den Plan haben, das Produkt nach der Nutzung zurückzusenden. Passiert leider häufiger als man glauben möchte, gerade bei teurer Kleidung und Elektrogeräten. Kleineren Unternehmen kann solch ein Verhalten richtig weh tun, da retournierte gebrauchte Produkte oft nur noch mit hohem Verlust noch einmal verkauft werden können.

Spare nicht auf Kosten anderer

Es gibt sehr viele Möglichkeiten, Geld zu sparen. Manches davon kann jeder ohne Veränderung seiner Lebensgewohnheiten umsetzen, z.B. durch Preisvergleich zwischen gleichen Produkten. Andere Sparoptionen erfordern etwas mehr Planung und Selbstdisziplin, z.B. nicht hungrig und nur mit Einkaufszettel einkaufen zu gehen. Aber das sind ja keine wirklichen Einschränkungen der Lebensqualität. Frugalisten gehen da einen Schritt weiter und hinterfragen deutlich stärker die gesellschaftlichen Konventionen rund um Konsum. So ergibt sich häufig noch weiteres Sparpotential durch mehr selbst herstellen, mehr reparieren und Verzicht auf Dinge, die – bei näherer Betrachtung – nichts zum eigenen Lebensglück beitragen.

Doch dann gibt es auch noch ein paar übereifrige Extremsparer, die mit ihrem Geiz leider nicht nur sich selbst, sondern auch Anderen schaden können. Und dabei habe ich hier nur über legale Möglichkeiten gesprochen, noch den letzten Cent raus zu quetschen. Wer sich durch Tricks kostenlos auf Konzerte oder in Museen schleicht, sollte sich für seinen „Money Saving Win“ vielleicht nicht ganz so laut auf Social Media feiern….

Sind dir schon Spartipps begegnet, die du unmoralisch oder unsozial fandst? Wo ziehst du die Grenze für dich zwischen Sparsamkeit und Geiz? Nutzt du dein Geld bewusst, um in manchen Bereichen Gutes zu tun, weil du es dir leisten kannst?

18 Replies to “Kann übertriebenes Sparen unsozial sein? // Dunkle Seite von übersteigertem Frugalismus”

  1. Ich lebe im ländlichen Umfeld und finde es, abgesehen davon, dass es Diebstahl ist, verwerflich, wenn Leute auf den Feldern Gemüse klauen mit dem Argument „ Die paar Kartoffeln oder Lauchstangen fallen dem Bauern doch gar nicht auf“. Und nein, es sind nicht meist nicht die Menschen mit geringem Einkommen, die das tun.

  2. Dein Artikel hat mich zum Nachdenken gebracht und ich muss gestehen, dass ich diesen Aspekt im Zusammenhang mit Frugalismus bisher so noch nicht bedacht habe.
    Aber je länger ich nachdenke, desto klarer wird es mir, dass es diesen Effekt des „ideologisch überhöhten Geizes“, den man dann als Frugalimus schön redet sehr wohl gibt.
    Diesen Zweig des Frugalismus, der auf Kosten der Gesellschaft gelebt wird, sollte man keinesfalls unterstützen!

    1. Zum Glück sind ja die wenigstens Frugalisten (oder überhaupt Menschen) so unterwegs! Die meisten Menschen, die ich kenne, die frugalistisch leben, habe sehr gut im Blick, welchen Einfluss ihre eigenen (Konsum-)Entscheidungen haben. Oft sind es sogar echte Vorbilder, wenn es um eine nachhaltige Lebensweise (ökologisch & sozial) geht.

  3. Super Artikel, interessante Sichtweisen. Also ich finde „Reichtum verpflichtet“. Wenn ein Top Sportler auf hunderten von Millionen sitzt, dann fände ich es komplett falsch wenn er Alles hamstert. Er oder sie soll das Geld unter die Leute bringen, oder z.B. in Projekten von Jungunternehmern investieren. Viele finden es oft falsch wenn jemand sich eine Gucci oder Louis Vuitton Tasche für 15,000 Euro kauft. Ich finde dass immer super. Mit dem Taschenkauf unterstützt der/diejenige doch zig Arbeitsplätze, der Mieter kriegt sein Geld, Steuern werden gezahlt, usw.! Wenn wir alle Minimalisten wären, dass wäre i.P. keine gute Welt! Die Mischung machts!

    1. Ich finde das immer ein interessantes Gedankenspiel: was wäre, wenn wir alle Minimalisten / Frugalisten / reflektierte Konsumenten wären? Persönlich denke ich, dass die Welt dann ein tatsächlich deutlich besser wäre als aktuell.
      Der Kauf von Fast Fashion zum Beispiel fördert zwar Arbeitsplätze – aber was für welche?! Gucci und Louis Vuitton bieten da etwas besser Arbeitsbedingungen, aber auch nur am Ende der Lieferkette – das Leder wird auch bei Luxusmarken trotzdem mit extrem gefährlichen Chemikalien von Hand irgendwo in Staaten ohne Arbeitsschutz oder Arbeitnehmerrechte gegerbt.
      Wie du sagst: die Mischung macht’s, denn Geiz oder wie Dagobert die Münzen im Geldspeicher bunkern hilft natürlich auch nicht. Doch durch unsere Konsumentscheidungen haben wir viel Macht, genau den Bedarf (und die daran hängenden Arbeitsplätze) zu erzeugen, von dem wir mehr sehen wollen in der Welt. Tanja Hester hat das in ihrem Buch Wallet Activism wirklich sehr gut dargestellt – keins der Extreme (Überkonsum oder Totalverzicht) hilft uns weiter. Fatalismus („ich kann eh nichts ändern“) ist aber deswegen auch nicht angebracht.

  4. Was bei der Bewertung von frugalistischen Lebensweisen bisher kaum in den Fokus kommt, ist die ÖKONOMISCHE Bewertung der „angeblichen“ Ersparnisse. Über Sinn und Unsinn der im Artikel genannten moralischen Werturteile kann man sehr wahrscheinlich abendfüllend diskutieren. Aber wenn jemand z.B. ein Stück Seife selbst herstellt und damit 0,87 € pro Monat einspart, dafür aber 2 Wochen-Stunden aufwenden muss, in denen er in einem beliebigen Job mindestens 12 €/Stunde verdient hätte, dann reicht der Begriff „Milchmädchen-Rechnung“ wohl kaum zur Beschreibung dieses groben Unfugs aus. Man beraubt sich so, aus einem fast neurotischen Sparzwang heraus, der komperativen Kostenvorteile der Arbeitsteilung, welche den riesigen Wohlstand erst ermöglicht hat, von dem wir heute zehren. Wenn jeder die Selbstversorgung anstreben würde, ginge es den Menschen vergleichsweise DEUTLICH schlechter als heute, da nunmal nicht alle gleichzeitig und gleich gut ein Feld bestellen, Autos bauen und Oberschenkelhalsbrüche operieren können…

    1. Unter ökonomischen Gesichtspunkten gebe ich dir natürlich Recht, allerdings sollte man nicht alles darauf reduzieren.
      Es kann auch Spaß machen manche Dinge (vollkommen ineffizient und unökonomisch) selbst herzustellen oder zu reparieren, statt damit zum Experten zu gehen und selbst auf der Couch zu liegen.

      1. Das finde ich auch einen sehr wichtigen Aspekt – am Ende geht es ja nicht darum, aus jeder wachen Minute meines Lebens den höchsten Stundenlohn heraus zu pressen. Etwas selbst repariert oder gebaut zu haben, kann ein unglaubliches Gefühl der Freude und Zufriedenheit auslösen. Ob man dabei Geld spart, sollte weniger eine Rolle spielen – wenn man es sich auch anders leisten kann. Alles braucht Balance

  5. Unter dem Aspekt „Spaß“ bzw. als Hobby, z.B. als Ausgleich zum Job, sowas mal auszuprobieren: Völlig d’accord! So ein Stück Seife fällt dann eher schon fast unter „Zusatzproduktion“ unter Hobbybedingungen. Niemand „verliert“ dabei wirklich was. Jedoch werden solche Vorgänge bei manchen Frugalisten ja explizit als „Sparleistung“ und dann am Besten als DAUERHAFTER Lebensstil hoch stilisiert und da hakt es bei mir dann doch wirklich irgendwann aus… 😉

  6. Der Grundgedanke des Food-Sharing hat sehr wohl etwas mit Teilen zu tun. Es werden übrig gebliebene Lebensmittel von einigen, die die Arbeit auf sich nehmen, von Supermärkten oder Händlern abgeholt, und dann unter vielen Menschen aufgeteilt. Entweder direkt oder eben über Fairteiler oder Ähnliches. Die Mengen, die bei Abholungen anfallen, kann man allein oft nicht verbrauchen. Das, was dann an den Stationen ankommt, ist quasi schon „geteilt“.

    1. Interessante Definition, so habe ich das noch nicht gesehen. Die ehrenamtlichen Abholer habe ich bisher nicht so wahrgenommen, dass sie auch selbst einen Teil der von ihnen bei Supermärkten abgeholten Ware behalten. Kommt das häufig vor?

      1. Früher als Student habe ich auch mehrmals übers foodsharing Lebensmittel erhalten. Meine Erfahrung (in einer Großstadt) war, dass die Ehrenämtler selbst regelmäßig auch Lebensmittel mitnehmen. Bei regelmäßigen Abholungen (Bäckereien, Supermärkte) ist der Bedarf der Ehrenämtler jedoch ziemlich schnell gesättigt (jede Woche alte Brötchen essen ist nicht für jeden erstrebenswert).
        Ich war tatsächlich überrascht zu sehen, dass unter den Lebensmittel-Empfängern eine ganz bunte Mischung der Gesellschaft vertreten war: von Harz4-Empfängern über Studenten, Rentner bis hin zu Bankern.
        Für mich sind diese Großmengen-foodsharing Events unattraktiv geworden, weil ich inzwischen bereit bin, mehr Geld für qualitativ besseres Essen auszugeben.

  7. Wem genau schade ich nun, wenn ich GZG-Angebote von großen Unternehmen nutze? Diese Aktionen sind Marketing-Instrumente, bei denen eingepreist ist, dass ein gewisser Prozentsatz der Konsumenten das auch nutzt. Ich verstehe nicht, wieso die Allgemeinheit daran schaden nimmt?
    Im Übrigen sind die meisten dieser Aktionen eigentlich „Gratis-Testen“-Aktionen. Nur bei einem Bruchteil spielt es eine Rolle, ob man unzufrieden war oder nicht.
    Produkte geplant über das Widerrufsrecht zurückzuschicken, obwohl man sie genutzt hat, ist natürlich was anderes. Das hat die Firma nicht eingepreist und das kann auch kleine Firmen treffen

    1. Genau da ist für mich aber der Unterschied – vielleicht ist das nicht gut herausgekommen im Artikel:
      Nutzung von Marketing-Aktionen wie „Kostenlos testen“ = kein Problem, ist ja auch eingepreist.
      Geld zurück fordern, obwohl man eigentlich zufrieden war oder Gebrauchtes mit Vorsatz zurücksenden = finde ich nicht okay.

  8. Finde Deinen Artikel sehr zeitgemäss, und finde er trifft genau den Zeitgeist! Wir leben in super schwierigen Zeiten.. die Inflation ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht (!), vielen Leuten geht es nicht gut, und ein kleiner Teil der Gesellschaft hat Alles im Überfluss. Ich gehöre Gott sei Dank zu der Gruppierung welcher es wirklich gut geht. Seit drei Jahrzehnten beschäftige ich mich mit der Geldanlage, lebe relativ sparsam (aber nicht minimalistisch), und habe ein Passives Einkommen von ca. 12,000€. Ich spende jeden Monat einen festen Betrag an Watsi.com, und helfe vielen jüngeren Leuten bei der allgemeinen Geldanlage! Bitte weiter so tolle Artikel schreiben! LG Aus Singapore, Noah

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