Wie sieht deine Vision von einem Leben ohne Arbeit aus? // Rezension: „Work Optional“ von Tanja Hester

Vision
Lesezeit: 9 Minuten

In den letzten Tage habe ich das Buch von Tanja Hester durchgelesen und auch „durchgearbeitet“. Tanja ist mit ihrem Blog OurNextLife.com eine meiner Lieblingsbloggerinnen zum Thema FIRE. Ihr Buch „Work Optional“ besteht aus drei Teilen. Teil 1 bietet eine praktische Anleitung, wie man sein Warum? findet, indem man sich damit beschäftigt, wie das Leben ohne Arbeit konkret aussehen soll. Dazu gleich mehr.

Kurze Zusammenfassung und Rezension

In Teil 2 des Buchs dreht sich alles um die finanziellen Seiten von FIRE, Teilzeitarbeit oder Sabbaticals und wie man dort ankommt. Die Informationen in diesem Hauptteil gehen sehr spezifisch auf das amerikanische Sozialsystem ein, sodass Deutsche hier weniger mitnehmen können. Die Grundlagen, wie z.B. eine Diskussion der 4%-Regel, werden einsteigerfreundlich und trotzdem nicht zu stark vereinfacht. In Summe waren mir diese Informationen aber bereits bekannt. Über das für amerikanische FIRE-Pläne sehr wichtige Themen Krankenversicherung habe ich sogar schon einmal ausführlich hier auf dem Blog geschrieben. In Deutschland ist das zum Glück alles nicht so kompliziert.

Aus Tanja Hesters Buch „Work Optional“

Teil 3 des Buchs beschäftigt sich mit dem Übergang vom Arbeitsleben in die Phase ohne Arbeit. Das ist für mich zwar noch weit weg, aber ich konnte trotzdem ein paar gute Gedanken mitnehmen. Besonders hilfreich finde ich Tanjas Sicht auf FIRE als Paar. Ihre klare Empfehlung: Den letzten Arbeitstag möglichst gleichzeitig legen, damit man gemeinsam in die neue Lebensphase starten kann.

Das Buch wird abgerundet durch eine Checkliste der wichtigsten Themen und Fragen, den „10 Regeln für eine finanziell unabhängige Zukunft“ sowie einer gut ausbalancierten Liste von weiteren Empfehlungen und zusätzlichen Informationen. Teil 1 des Buchs kann ich wirklich jedem, egal ob Finanz-Neuling oder Investment-Profi, nur sehr ans Herz legen. Allerdings ist Teil 2, der Finanzplan, mit ca. 150 Seiten klar der Fokus des Buchs. Für deutsche Leser wird es hier dann doch eher etwas langweilig, da das Wissen nicht wirklich auf die eigene Situation übertragen werden kann. Wer schon immer mal wissen wollte, mit welchen „Werkzeugen“ die amerikanischen FIRE-Blogger arbeiten oder bereit ist, Teil 2 eher zu überfliegen, dem kann ich das Buch für die jeweils ca. 30 Seiten von Teil 1 und Teil 3 aber absolut empfehlen.

Welche Vision hast du für dein Leben?

Gerade Teil 1 des Buchs kann und sollte man nicht nur einfach schnell mal „weglesen“. Stattdessen habe ich mir bewusst Zeit genommen, um die Fragen und Übungen bewusst durchzuarbeiten. Aus meiner Sicht deckt Tanja wirklich alle Aspekte ab. Es geht dabei um das ganz alltägliche Leben, aber auch große Träume. Sie stellt schwierige Fragen über das eigene (nicht-finanzielle) Erbe und Vermächtnis, zwingt einen zur Reflexion über Selbstwertgefühle und wer die wichtigsten Beziehungen sind oder sein werden.

Neben diesen harten Nüssen gibt es auch noch einige vermeintlich einfache Fragen zu beantworten: Wie stelle ich mir die „Logistik“ meines Lebens vor? Wer schon immer von einem Bauernhof voller Tiere geträumt hat wird dies kaum mit dem Traum vom Leben als Weltreisender verbinden können. Alle diese Aspekte Stück für Stück durchzugehen, hilft sehr gut, Widersprüche und Gemeinsamkeiten zu erkennen. Auch kann man sich so wieder bewusst machen, wie man auch heute schon ein erfülltes Leben leben kann ohne nur auf die Zukunft zu hoffen. Denn das ist nie eine gute Idee!

Wortfindungsschwierigkeiten

Persönlich ist es mir allerdings unglaublich schwer gefallen, diese Gemeinsamkeiten in Worte zu fassen. Es ist wie die Übung aus Daniel Kahnemanns hervorragendem Buch „Thinking fast and slow„: Im Remote Associates Test (RAT) bekommt man drei Worte präsentiert und muss ein viertes Wort finden, das mit allen dreien zusammenhängt. Ein deutsches Beispiel wäre „Humor, Pech, Nacht“, die alle mit dem Wort „schwarz“ kombinierbar sind.

Nicht immer fällt uns das verbindende Wort direkt ein. Aber Kahnemann erläutert in seinem Buch, dass Wissenschaftler herausgefunden haben, dass wir meist in Sekundenschnelle erkennen können, ob es dieses Wort überhaupt gibt! Wenn drei zufällig ausgewählte Wörter eine solche Gemeinsamkeit haben, erkennen wir dies intuitiv, auch wenn uns die tatsächliche Verbindung nie einfällt. Das finde ich sehr faszinierend.

Money Mission & Spending Triggers

Tanja schafft es, ihre Lebensvision am Ende durch die drei Worte „Adventure“, „Service“ und „Creativity“ auszudrücken. Daraus formuliert sie ihre Money Mission, der sie noch beifügt, wie (gedankenlos beim amerikanischen Retailer Target oder beim Online Shopping) und wofür (Produkte, von denen sie sich erhofft, eine bessere Person zu werden) sie jetzt kein Geld mehr ausgeben möchte, um ihr Ziel zu erreichen. Ganz so weit bin ich noch nicht gekommen. Ehrlicherweise habe ich auch (glücklicherweise) wenige „Trigger“ (wie bei Tanja Target), durch die ich mehr Geld ausgebe als ich wollte.

Am ehesten ist es bei mir noch Langeweile, z.B. wenn ich verabredet bin und noch eine Stunde Zeit totschlagen muss in der Innenstadt bis ich mich mit Freunden treffe oder eine Veranstaltung beginnt. In solchen Situationen kaufe ich mir meist etwas zu essen, obwohl ich gar nicht wirklich hungrig bin, oder schaue mir in den Geschäften Kleidung an. In Summe kommt das aber nicht wirklich häufig vor, gerade in den letzten 17 Monaten mit Corona sowieso schon einmal nicht. Mit Maske macht ein Einkaufsbummel doch etwas weniger Spaß, auch wenn ich mich inzwischen total daran gewöhnt habe, sie zu tragen. Übermäßiges Online Shopping war auch noch nie ein Problem für mich, da ich es so nervig finde, etwas wieder zurückzusenden, falls es doch nicht passt oder gefällt.

Soul Searching am Wochenende

Tatsächlich fand ich es ziemlich schwierig, sich mit den Fragen aus dem Buch auseinanderzusetzen. Manche Fragen hatte ich mir nie vorher gestellt, z.B. ob ich manche Entscheidungen in meinem Leben treffe, weil dies so von mir erwartet wird und falls ja, ob es ein inspirierendes oder negatives Gefühl ist, sein Leben so zu leben, dass jemand Anderes Erwartungen erfüllt werden? Da musste ich erst einmal ein paar Minuten darüber nachdenken. Einige Fragen waren hingegen schnell und einfach zu beantworten, z.B. ob ich meine Zukunft für mich alleine plane oder mit jemand anderem.

Besonders in der Kategorie „große Lebensträume“ ist mir kaum etwas eingefallen. Ich möchte weder einen Marathon in allen US-Staaten laufen noch einen Gnadenhof für Pferde eröffnen. Auch habe ich keine besonderen Ambitionen, große politische Probleme wie Hunger oder Bildungsungerechtigkeit zu lösen. Das wäre natürlich schön, aber ich glaube hier eher an den Einfluss des Einzelnen im Kleinen, also in meinem direkten Umfeld und weniger an große Lösungen.

Meine Berufswünsche als Kind, nämlich Eisverkäufer (weil ich gerne Eis mag) und Architekt (weil mir das Häuser bauen in Die Sims immer so Spaß gemacht hat) bieten ebenfalls wenig Potential für große Träume. Als Jugendliche wollte ich dann Physiker werden, am CERN arbeiten und vielleicht mit den Entdeckungen einen Nobelpreis gewinnen. Meine Schwester träumte damals davon, dass ich irgendetwas Neues entdecke und daher eine Maßeinheit nach mir benannt wird, wie bei Ampere, Kelvin und Pascal. Ich weiß allerdings sehr genau, warum ich mich nach dem Bachelorabschluss entschieden habe, Physik nicht weiter zu vertiefen. Das Leben als Forscher hatte ich mir als Jugendliche doch etwas zu einfach vorgestellt und dabei auch nicht gewusst, wie kompetitiv, frustrierend und einsam die Wissenschaft sein kann.

Schnapsideen führen mich zu meiner Vision

Die Kategorie „große Träume“ ist auf meinem Notizzettel ziemlich leer. Da es bei solchen Übungen hilft, sich nicht selbst zu beschränken habe ich zwei von mir selbst sofort als „Schnapsideen“ abgetane Dinge notiert. Und nach der Durchsicht der anderen Notizen und Antworten sind diese beiden Ideen gar nicht mehr so verrückt, wie sie auf den ersten Blick auf mich gewirkt haben. Denn die dahinerliegenden Motive passen sehr gut zu den Themen, die ich durch die anderen Antworten identifizieren konnte. Meine Vision würde ich nach dieser Übung wie folgt zusammenfassen:

Ich strebe ein Leben an voller Verbundenheit zu den Menschen und der Natur um mich herum, daraus resultierenden Erlebnissen der Schönheit des Lebens im Kleinen und dem Wunsch, mehr zu lernen, um mein Wissen zu teilen.

Gerne möchte ich nun noch von meinen zwei Schnapsideen erzählen, in denen sich sogar Geschäftsmodelle verstecken könnten. Ich hoffe, du kannst genauso darüber schmunzeln wie ich.

Idee 1: Meine Haustiere werden Social Media Stars

Die Nachbarn meiner Großeltern haben große griechische Landschildkröten, die bei Ihnen im Garten leben. Als Kleinkind, als ich gerade so durch den Garten meiner Großeltern pesen konnte, waren die Schildkröten tatsächlich sogar größer als ich. Freunde meiner Mutter hatten auch Schildkröten bei sich im Garten und waren sogar Züchter. Auch hatte ich ein Kinderbuch, in dem es um eine Schildkröte ging. Der Besitzer der Schildkröte, die glaube ich Charlotte hieß, hatte unglaubliches Glück. So viel, dass es schnell zu viel wurde und die Schildkröte ständig weiterverschenkt wurde.

Ich fand Landschildkröten schon immer faszinierend. Wasserschildkröten, die deutlich einfacher zu halten sind und auch nicht so alt werden, hingegen weniger. Ich wusste aber auch schon immer, dass eine Landschildkröte als Haustier eine große Verantwortung für eine lange Zeit bedeutet und definitiv nicht für das Leben in einer Wohnung geeignet ist. Denn die Tiere müssen sich einbuddeln können und einiges an Auslauf haben, auch wenn sie sich vermeintlich wenig bzw. langsam bewegen.

Ich finde auch Minischweine als Haustiere super. Nicht nur, wenn sie noch Babys sind und damit so unglaublich niedlich. Sondern auch, wenn sie ausgewachsen sind (und damit so groß wie ein größerer Hund). Schweine sind unglaublich intelligente und soziale Tiere, denen man viele Tricks beibringen kann. Aber auch hier ist ein Garten mit Sandkasten zum Schubbern für eine artgerechte Tierhaltung zwingend notwendig. Schon einen Hund hier in der Stadtwohnung finde ich recht schwierig, obwohl es sicherlich etwas besser funktionieren würde mit langen Spaziergängen als mit einem Hausschwein. Obwohl die wohl auch gut an der Leine geführt werden können 😉

Ich weiß, dass mir meine Haustiere, sei es eine Schildkröte, ein Minischwein oder (doch deutlich weniger exotisch) ein Hund, vielleicht auch alle zusammen, viel Freude im Alltag bringen würden. Und diese Freude würde ich gerne mit anderen Teilen. Gib es zu, du schaust dir auch immer mal wieder niedliche Tiervideos im Internet an! Tiere können uns durch ihre Niedlichkeit, aber auch mit ihrer Empathie und Intelligenz immer wieder beeindrucken. Diese Schönheit im Kleinen, in den alltäglichen Momenten, könnte ich über Social Media mit anderen Menschen teilen und dabei noch dafür sorgen, dass das Wissen, dass ich über meine Haustiere dazugewinnen, möglichst unterhaltsam weitergegeben wird.

Denn eins ist klar: Ich bin jemand, der die Verantwortung für ein Haustier sehr ernst nehmen wird und erstmal ordentlich dazulernen will, bevor ich mich zu einem Kauf entscheide. Ich bin aber überzeugt, dass ich „das Internet durchgespielt haben werde“, wenn ich erstmal ein Bild von meinem wenige Monate alten, kleinen Minischwein auf dem Rücken meiner großen Schildkröte veröffentlichen konnte. Cuteness overload!

Idee 2: Kindgerechte Autobahn-Reise-Zwischenstop-App

Was ganz anderes: Bestimmt kennt jeder von euch diese braunen Schilder an der Autobahn, die auf touristische Attraktionen oder einfach die umliegende Landschaft hinweisen? Der amtliche Name dieser Schilder ist touristische Unterrichtungstafeln und in der heutigen Form gibt es sie in Deutschland seit 1983. Heutzutage stellt gefühlt jedes kleine Dorf mit 400 Jahr alter Kirche so ein Hinweisschild auf, wenn sich zufällig eine Autobahn in 50km Umkreis finden lässt. Inzwischen gibt es wohl tatsächlich über 3.400 solcher Schilder, während es 2006 noch unter 650 gewesen sein sollen. Als ich diese Idee also vor einigen Jahren hatte, war das noch nicht ganz so ausufernd, sodass es mir realistisch erschien, alle vorhandenen Schilder in einer App zu sammeln.

Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei

Die App würde auf Grund der GPS-Koordinationen erkennen, an welchen Schildern gerade vorbeigefahren wurde und jeweils für Eltern und Kinder relevante Informationen bündeln. Kinder interessiert mehr, ob sich um die gezeigte Burg auf dem Schild vielleicht eine coole Legende rankt. Eltern möchten vielleicht wissen, ob sich die gezeigte Sehenswürdigkeit für einen kindergerechten Zwischenstop eignet (z.B. gibt es dort spezielle Kinderführungen und Pommes im Restaurant?) und wenn ja, wie die Öffnungszeiten sind. Als ich klein war hatte mein Vater so eine ähnliche Übersicht in Buchform. Das Buch hieß ungefähr sowas wie „100 tolle Attraktionen für Kinder in und um Niedersachsen“ und diente uns immer wieder als Inspiration für unsere sonntäglichen Ausflüge z.B. ins Computer-Museum Paderborn, Besucherbergwerk Rammelsberg oder Erlebnisbad Hildesheim.

Vielleicht könnte ich die Informationen sogar teilweise persönlich zusammentragen und die Attraktionen so einem Test unter realen Bedingungen unterziehen? Nichts ist meiner Meinung nach langweiliger als diese furchtbaren Audio-Guides, die viele Schlösser und Museen heutzutage anbieten und die einem jedes noch so kleine Detail zum byzantinischen Wandspiegel über dem dritten Fenster von rechts erzählen… Bei der weiter stark wachsenden Zahl dieser Schilder könnte das aber tatsächlich etwas schwierig werden, alle auf den Schildern gezeigten Sehenswürdigkeiten tatsächlich persönlich zu besuchen. Aber immerhin würde ich so Deutschland noch einmal deutlich besser kennenlernen und automatisch an den interessantesten und schönsten Orten unseres Landes vorbeikommen. Das passt sehr gut zu meiner Vision, wie ich mir mein Leben wünsche!

Hast du eine Vision für dein Leben (ohne Arbeit) formuliert? Hast du kleine oder große Träume, die du dir noch erfüllen möchtest? Spielt dein Berufswunsch aus der Kindheit weiterhin eine Rolle für dich? Motivieren dich solche Gedanken bei deinen Finanzen?

2 Replies to “Wie sieht deine Vision von einem Leben ohne Arbeit aus? // Rezension: „Work Optional“ von Tanja Hester”

    1. Hallo Michael,
      Danke für deinen Kommentar! Ich persönlich bin überzeugt, dass man ein Ziel braucht, wohin es geht und nicht nur einen Grund, warum man von dort „weg“ will, wo man gerade ist (Arbeitsleben). Nur so kann man sich über die vielen Jahre motivieren.
      Viele Grüße
      Jenni

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