Wie sieht dein Tag aus, wenn du nicht mehr arbeitest? // Rentner-Tag

Lesezeit: 7 Minuten

Ab und zu denke ich darüber nach, wie mein Alltag aussehen wird, wenn ich FIRE erreicht habe und nicht mehr arbeite. Wie ich schon einmal ganz am Anfang dieses Blogs erläutert habe, finde ich es wichtig, schon heute darüber nachzudenken, wie man sich die Zukunft wünscht. Denn diese Tagträume sind ein guter Realitätscheck: Was möchte ich mit meinem Leben machen? Welche Ziele und Wünsche habe ich? Was hält mich davon ab, diese jetzt anzugehen? Was kann ich bereits heute ändern, um meinem Idealbild näher zu kommen?

Kurzer Rückblick

Inhaltlich hat sich meine Vorstellung von vor zwei Jahren nicht signifikant geändert. Aber einige der Träume und Wünsche habe ich ganz im Kleinen doch auch schon für das Jetzt positiv nutzen können. Zum Beispiel der Wunsch, später einen kleinen Garten zu haben. Zwar sind meine Möglichkeiten mit einem Balkon mitten in der Stadt immer noch sehr begrenzt. Aber mit zwei neuen Hochbeeten, zwei größeren Blumenbeeten, zwei (Stauden-)Obstbäumen, zwei kleinen Gemüsetöpfen und einem schönen Oleanderstrauch habe ich auch schon einiges zu tun. Fast jeden Morgen schaue ich zuerst nach, ob sich eine neue Knospe gebildet oder eine der Blumen neu aufgeblüht ist 🙂

Regelmäßige Wiederholung

Heute möchte ich wieder einen Blick in die Zukunft wagen: Wie stelle ich mir einen Tag im Jahr 2036 vor, wenn ich hoffentlich FIRE bereits erreicht habe und in Rente gehen konnte? Inspiriert haben mich hier die Monatsberichte der amerikanischen Bloggerin Purple. Auch Tanja Hester von Our Next Life, deren Buch Work Optional ich gerade lese, empfiehlt, sich intensiv damit zu beschäftigen, was für ein Leben man eigentlich in Zukunft leben will.

Ich persönlich finde einen Tag eigentlich zu kurz, um ein gutes Bild meiner Aktivitäten zu vermitteln. Denn so viel kann ich vorwegnehmen: Ich habe nicht vor, von früh bis spät von Aktivität zu Aktivität zu hetzen, sondern möchte das Rentnerdasein durchaus entspannt angehen 😉 Daher scheint mir eine Woche ein deutlich besseres Zeitfenster zu sein, aber dann würde dieser Artikel mal wieder die 15 Minuten Lesezeit überschreiten. Also habe ich versucht, durch ein wenig kreative Freiheit mit nur einem Tag möglichst viele Themen abzudecken, ohne gleichzeitig den Eindruck zu erwecken, dass mein Kalender nach FIRE voller ist als vorher. Das ist definitiv nicht mein Plan!

Dream until it's your reality
Kleiner Chakka-Spruch zur Einstimmung

Warum sollte eine Woche immer montags beginnen?

Mittwoch, 8:30 Uhr, der Wecker klingelt. An Tagen ohne Wecker, von denen es auch genug gibt, stehe ich meist erst gegen 10:00 Uhr auf. Ich war schon immer eine Nachteule und habe gerne ausgeschlafen. Aber manchmal muss ich trotzdem früh aufstehen, also vor 9:00 Uhr 😉

Eigentlich klingelt mein Wecker gar nicht, sondern das Radio springt zur Weckzeit an. Und eigentlich ist es auch erst 8:27 Uhr. Ich stelle die Uhrzeit am Wecker immer lieber etwas vor. Dann bin ich schon ein bisschen wacher, wenn um halb die Nachrichten kommen. „Das Wetter soll gut werden, super! Dann kann mit dem Roller in die Uni fahren.“ Beim Zähneputzen laufe ich am Gemüsebeet vorbei. „Den Salat müssen wir bald ernten.“ Ich schreibe gleich einige weitere Zutaten für einen leckeren Salat auf den Einkaufszettel.

Lebenslanges Lernen

Um 10 Uhr ist meine Vorlesung. Es geht um Hydrologie, heute insbesondere um Flusssysteme und Deltabildung wie beim Amazonas oder dem Mekong. Das Mekong-Delta hatten wir letztes Jahr im Urlaub besucht und über die Artenvielfalt gestaunt. Klar, die Vorlesung betrachtet das alles etwas nüchterner. Aber die Professorin gibt sich trotzdem Mühe, die geologischen Grundlagen mit kurzen Hinweisen auf die Effekte auf das Leben in Delta-Gebieten zu verknüpfen. „Vielleicht wäre das ein gutes Thema für meine Seminararbeit? ‚Eine hydrologische und humangeographische Untersuchung des Rhein-Maas-Deltas‘?“ Das könnten wir mit einem Trip in die Niederlande verbinden. Quasi eine Studienreise mit Live-Interviews und Vor-Ort-Videos!

Gourmet-Küche: Leider Fehlanzeige

Nach der Vorlesung gehe ich mit ein paar Kommilitonen in die Mensa. Das Essen ist wie zu meinen Studienzeiten in Ordnung, aber nicht großartig. Das scheint wohl das ewige Schicksal der Studenten zu sein. Da ich nur einmal die Woche in der Mensa esse, stört es mich aber auch nicht weiter, auch wenn mir gutes Essen sehr wichtig ist. Beim Mittagessen in der Mensa geht es aber ja auch nicht nur um Nahrungsaufnahme. Ich freue mich immer jede Woche auf den Plausch mit meinen Kommilitonen. Zum Glück wurde ich trotz meines Alters echt nett aufgenommen.

Gerade im Geographie-Studium sind nicht alle Studienanfänger gerade erst mit dem Abitur fertig. Viele haben schon ein freiwilliges ökologisches Jahr gemacht oder sind erst einmal ein wenig in der Welt herumgereist. Trotzdem bin ich oft ganze 20 Jahre älter. Dadurch aber natürlich auch ein wenig gelassener, was das Studium angeht. Ich lerne für mich, nicht, weil ich danach einen guten Job finden will.

Startschwierigkeiten als Student

Die Rückkehr an die Uni ist mir am Anfang ziemlich schwer gefallen. Gerade die Erstsemestervorlesungen, in denen hauptsächlich trockene Theorie vermittelt wird, sind trotz einiger neuer Lernformate immer noch recht altbacken gestaltet. Ein Video pro Vorlesung scheint inzwischen quasi ein ungeschriebener Standard bei Hochschullehrern zu sein, aber richtig modern ist das natürlich trotzdem noch nicht. Da ich aber dieses Semester nur eine Vorlesung und stattdessen zwei Seminare gewählt habe, macht mir das ganze schon deutlich mehr Spaß. Mit anderen zu diskutieren und neues Wissen in andere Kontexte zu übertragen, dafür bin ich überhaupt zurück an die Uni gegangen. Und hier hilft mir meine Lebenserfahrung auch tatsächlich sehr weiter, besonders im VWL Discussion Club.  

Reisepläne

Wieder zuhause erzähle ich Christoph, was ich heute alles gelernt habe. „You are now subscribed to delta facts“, zieht er mich mit einem uralten Internet-Meme auf. Aber von der Idee einer „Studienreise“ in die Niederlande ist er trotzdem sofort begeistert. Da ich zunächst noch ein wenig Literatur zusammensuchen muss für die Seminararbeit und mit der Dozentin meine Idee besprechen will, planen wir erst in drei Wochen loszufahren. Ich werde die Anreise und das geographisch wertvolle Tagesprogramm recherchieren, während Christoph sich vornimmt, eine hundefreundliche Unterkunft zu finden und einen Freund, der in der Region wohnt, nach Restaurantempfehlungen zu fragen.

Außerdem wird er einen anderen Freund bitten, einmal während unserer Abwesenheit vorbeizuschauen, ob unser automatisches Bewässerungssystem für die Beete und Blumen auch richtig funktioniert. Ganz perfekt ist die Technik da noch nicht, auch wenn man inzwischen alles aus der Ferne steuern und überwachen kann. Für April ist es aber mal wieder viel zu warm. Die Klimakrise merkt man jedes Jahr mehr, denn das Wetter neigt zu immer mehr Extremereignissen. Wenn ich da nur an die 40cm Schnee denke, die wir letztes Jahr hatten…

Verlorenes Zeitgefühl

Ich hatte schon am Nachmittag eine Freundin angeschrieben, ob sie nach Feierabend Zeit hat zu telefonieren. Ihre Tochter steckt gerade im Abitur und daher überlegt sie und eigentlich die ganze Familie gerade, wie es für sie nach der Schule weitergehen könnte. Ich liebe es, Jugendlichen dabei zu helfen, herauszufinden, was sie beruflich machen wollen. An der Uni habe ich mich daher auch auf den Nebenjob in der Studienberatung beworben, aber noch keine Rückmeldung bekommen. Die Geschwindigkeit in öffentlichen Einrichtungen ist halt doch etwas langsamer als in den Wirtschaftsunternehmen, in denen ich in den letzten zwei Jahrzehnten gearbeitet habe.

Ich freue mich jedenfalls schon darauf, von der Mutter der Abiturientin zu erfahren, ob sie mit ihren Zukunftsgedanken inzwischen weitergekommen ist. Doch es ist erst 17 Uhr, da arbeiten die meisten Menschen noch. Das vergesse ich in letzter Zeit immer öfter. Durch mein geändertes Verhältnis zu Zeit habe ich auch schon einige Mal vor verschlossenen Türen von Geschäften oder der Post gestanden. Sonntage haben einfach nicht mehr die gleiche Bedeutung wie früher.

Kalender-Jenga

Nach dem Telefonat lassen wir den Abend noch gemeinsam mit unserem Hund und einem selbstgemixten Cocktail auf dem Balkon ausklingen. Ich lese noch ein paar Seiten in einem Buch, das ich mir gestern aus der Bücherei ausgeliehen habe. Obwohl inzwischen alles elektronisch geht, mag ich das Gefühl, ein physisches Buch in den Händen zu halten, immer noch lieber. Ich werde halt auch langsam alt. Den neusten Trend, den meine Kommilitonen heute Mittag diskutiert haben, hätte ich ohne sie garantiert auch verpasst. Ich nehme mir vor, am Samstag mal wieder meine jüngste Schwester anzurufen. Vielleicht können wir sie ja sogar auf dem Weg in die Niederlande kurz besuchen? Hoffentlich ist sie dann nicht gerade dienstlich unterwegs, sodass wir zumindest gemeinsam Abendessen können.

Doch nicht nur mit dem weiterhin arbeitenden Teil der Bevölkerung ist immer viel Kalender-Jenga nötig. Auch meine Eltern, die im Gegensatz zu mir im „gesellschaftlich akzeptierten“ Rentenalter sind, sind gefühlt ständig verplant. Und wenn an einem Tag ein Termin ansteht, ist gleich der ganze Tag raus für weitere Aktivitäten. Früher habe ich das immer ein wenig belächelt, denn was hat ein zweistündiger Termin am Vormittag damit zu tun, ob man abends noch Essen gehen kann? Aber inzwischen fange ich es tatsächlich an, ein wenig besser zu verstehen. Wenn man endlich ausreichend Zeit hat, und seine Lieblingsaktivitäten nicht all in zwei kurze Tage Wochenende quetschen muss – dann muss man sich ja auch nicht unnötig abhetzen!

Süße Träume

Vor dem Schlafengehen nehme ich mir vor, morgen endlich mal wieder Sport zu machen. Die Ausrede, ich hätte keine Zeit vor der Arbeit gilt jetzt ja nun wirklich nicht mehr. Aber einige Dinge ändern sich eben nicht magisch durch FIRE 😉

Wie sieht dein idealer Tag aus? Stellst du dir manchmal vor, wie es wäre, wenn du nicht arbeiten müsstest? Was würdest du gerne mehr machen? Was davon kannst du bereits heute machen?

3 Replies to “Wie sieht dein Tag aus, wenn du nicht mehr arbeitest? // Rentner-Tag”

    1. Klingt gut! Bikest du sowieso gerne alleine oder musst du da noch andere Mitstreiter vom Renteneintritt überzeugen? 🙂

  1. Köstlich! Wie sich die Dinge doch im Laufe der Zeit angleichen. Irgendwie haben wir scheinbar doch „unseren Job“ gemacht und vieles ist bei euch Mädels (richtig) angekommen.

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