Wie fängt man überhaupt mit dem Investieren an? // Finanzanfängerfragen (Teil 2)

Lesezeit: 8 Minuten

Wie ich letzte Woche schon angefangen habe zu erzählen, habe ich mich eines Abends in einer bunten Runde aus Finanzanfängern und schon erfahreneren Investoren wiedergefunden. Wir haben über die ersten Schritte zum Investor gesprochen. Dafür muss man erst einmal eine Basis schaffen: Was sind meine Ziele und Träume? Wie viel Geld brauche ich später für einen schönen Lebensabend? Wie hoch muss mein Notgroschen sein, damit ich mich wohlfühle? Wie viel Geld kann ich überhaupt monatlich sparen?

Auch mit diesem Grundlagenwissen ist der Schritt vom Sparer zum Investor trotzdem schwer für die meisten. Denn als nächstes muss man verstehen, dass Sparguthaben auf Giro- oder Tagesgeldkonten nur vermeintlich sicher ist. Denn genauso wie ein Investment am Aktienmarkt mit Risiko behaftet ist, ist auch das Sparguthaben einem Risiko ausgesetzt: Durch die Inflation wird das Geld im Laufe der Jahre immer weniger Wert. Aktuell macht die Juli-Inflationsrate von 3,8% im Vergleich zum Vorjahresmonat Schlagzeilen. Das klingt schon ziemlich dramatisch (auch wenn es auf Grund der Mehrwertsteuersenkung 2020 tatsächlich nicht ganz so dramatisch ist). Dem Geld auf dem Konto geht es folglich an den Kragen.

Was also ist die Alternative? Diese und viele andere Fragen haben wir an dem Abend noch diskutiert – eine Zusammenfassung unseres Gesprächs mit echten Zitaten:

Aktien sind für die Altersvorsorge gut geeignet

Viele Deutsche halten ihr Eigenheim für das beste Investment ihres Lebens. Oft ist es aber einfach das einzige (große) Investment, sodass es schwierig ist, die Qualität wirklich objektiv zu bewerten. Der Vorteil einer Immobilie ist natürlich, dass man sich die Mietzahlungen spart, sobald die Hypothek abbezahlt ist. Gleichzeitig muss ein Haus aber auch immer in Schuss gehalten werden, sodass ein entsprechend hoher Notgroschen bzw. Rücklagen notwendig sind.

Aktien sind da deutlich pflegeleichter und gleichzeitig flexibler. Ebenso wie bei einem Tagesgeldkonto kann ich innerhalb von 24h über mein Geld verfügen. Allerdings sind Aktiendepots nicht wirklich dafür gemacht, um dort kurzfristig sein Erspartes zu parken. Idealerweise sollte man am Aktienmarkt nur Geld anlegen, auf das man die nächsten 15 Jahre verzichten kann.

Warum mindestens 15 Jahre?

Wie man am Renditedreieck des Deutschen Aktieninstituts für den DAX oder am Renditedreieck für den MSCI World von C. W. Röhl sieht, steht ein Aktieninvestment nach spätestens 15 Jahren immer im Plus. Selbst, wenn man zum allerschlechtesten Zeitpunkt direkt vor einem Crash eingestiegen war, hat man nach einem Zeitraum von mindestens 15 Jahren bisher immer die Inflation schlagen können. Und die Börsenhistorie ist lang – da war der „Schwarze Donnerstag“ vor der Weltwirtschaftskrise dabei, zwei Weltkriege und viele andere große und kleine Krisen. Und trotz all dieser Turbulenzen der Weltgeschichte steigen Aktien langfristig. Unternehmen können ihre Preise anpassen, wenn Löhne und Materialkosten steigen. Somit können sie ihre Gewinne vor der Inflation schützen. Und durch Innovation können sie ihre Gewinne in der Zukunft weiter steigern, sodass die Aktien des Unternehmens stärker als die Inflation an Wert gewinnen.

Aber es sind ja nicht alle Unternehmen innovativ?!

Natürlich gibt es viele gut bekannte Beispiele von Unternehmen, die es nicht geschafft haben, dauerhaft innovativ zu bleiben. Ein Schreibmaschinenhersteller, der die Zeichen der Zeit richtig deutet, wandelt sich im Zeitverlauf vielleicht zu einem Tastatur- oder Computerhersteller. Aber Kodak, der früher bedeutendste Fotografiefilmhersteller der Welt, musste nach über hundertjähriger Firmengeschichte Insolvenz anmelden. Die Firma hatte die Veränderungen durch Digitalkameras unterschätzt.

Auch Nokia ist ein bekanntes Beispiel für ein Unternehmen, das einen Trend (in diesem Fall den Aufstieg des Smartphones) zu spät erkannt hat. Zwar ging Nokia nicht insolvent, stürzte aber ab vom klaren Weltmarktführer und verkaufte schlussendlich sein Handy-Geschäft. Auch Wirecard ist ein Beispiel für eine Aktie, die in kurzer Zeit dramatisch an Wert verloren hat, auch wenn es hier um Betrug und nicht „nur“ um verpasste Innovationen ging.

Daher diversifiziere!

Für jedes Kodak oder Nokia gibt es aber auch wieder ein Amazon oder Apple. Doch wie soll man diese Unternehmen rechtzeitig identifizieren, bevor sie richtig durchstarten? Darüber zerbrechen sich der Großteil der Aktieninvestoren den Kopf! Es gibt lauter Strategien, Tipps und Kennzahlen-Systeme. Aber warum sich überhaupt so einen Stress machen, wenn es auch einfacher geht?

Wenn ich jeweils für 100€ die Aktien der hundert größten Unternehmen kaufe, dann werden da ein paar richtig gute und ein paar schlechte Unternehmen dabei sein. Durch die Diversifikation, also das Verteilen meines Investments auf die verschiedenen Unternehmen, sinkt das Risiko des Investments im Vergleich zu einem Investment in nur eine einzige Aktie. Um die Risikoreduktion zu erreichen, muss ich in Kauf nehmen, dass meine Rendite auch nur der Durchschnitt der Superstar-Unternehmen und der Innovations-Verschläfer ist.

Und wie hoch ist die Durchschnittsrendite?

Ein langfristiges Investment in den globalen Aktienmarkt bringt ca. 7% nominelle Rendite pro Jahr. Zieht man die Inflation von ca. 2% ab, bleiben immer noch ca. 5% übrig. Nicht schlecht, oder? Der Durchschnittswert ist allerdings trügerisch. Denn es kann durchaus passieren, dass es -16% Verlust in einem Jahr gibt, +20% im nächsten, dann wieder -3% und so weiter. Man braucht also starke Nerven und darf bei Buchverlusten nicht nervös werden. Daher ist es eben auch so wichtig, dass man nur Geld investiert, das man in der nahen Zukunft nicht braucht. Dann kann man deutlich ruhiger schlafen, wenn es auf und ab geht.

Und wenn ich das Geld doch vorher brauche?

Nicht alles im Leben ist planbar. Im Gegensatz zu einem Eigenheim, das ich nicht von heute auf morgen verkaufen kann (dann hätte ich ja auch kein Dach mehr über dem Kopf), können Aktien jederzeit verkauft werden. Aber was ist mit der Empfehlung von mindestens 15 Jahren?

Nichts ist unmöglich, aber es ist extrem unwahrscheinlich, dass der Aktienmarkt zunächst 14 Jahre nach unten zeigt, um dann im 15. Jahr plötzlich alles aufzuholen und doch noch ins Plus zu drehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich auch in einem kürzeren Zeitraum mit meinem Aktieninvestment mehr Rendite als die Inflation realisiere, ist ziemlich hoch. Doch eben erst nach 15 Jahren sinkt die Wahrscheinlichkeit, immer noch im Minus zu stehen, gegen Null.

Was ETFs mit Einkaufen zu tun haben

Die durchschnittlich 7% p.a. nominelle Rendite von Aktieninvestments klingt gut und die Idee mit der Diversifikation ist auch einleuchtend. Aber 100 verschiedene Aktien zu kaufen scheint echt kompliziert. Vor allen Dingen, wenn man vorher noch nicht einmal eine einzige Aktie gekauft hat – und jetzt gleich 100?

Blackrock – das klingt irgendwie schon finster 😉

Zum Glück gibt’s da was von Ratiopharm! Na gut, nicht direkt von Ratiopharm, aber wie wär es mit Blackrock oder Amundi? Das sind zwei der Firmen, die ETFs anbieten. Die Abkürzung ETF steht für Exchange Traded Fund, also ein börsengehandelter Fonds. Ein Fonds (im Gegensatz zum Bratenfond immer mit -s am Ende) ist wie ein Topf mit verschiedenen Aktien oder anderen Wertpapieren darin. Anteile an ETFs kann man an der Börse kaufen, genauso wie man Anteile an Unternehmen (also Aktien) auch an der Börse kaufen kann.

Im Gegensatz zu aktiv gemangten Fonds, bei denen ein Fondsmanager entscheidet, welche Wertpapiere in den Topf wandern oder wieder herausgeworfen werden, basieren ETFs auf feststehenden Indizes wie dem Deutschen Aktienindex DAX, der die 30 größten deutschen Aktienunternehmen enthält. Der ETF braucht keinen Fondsmanager, der aktiv Entscheidungen trifft, sondern kauft per Algorithmus immer die Aktien, die im jeweiligen Index enthalten sind. Jedenfalls, wenn es sich um einen vollständig replizierenden ETF handelt, aber das sind Details, die als Anfänger nicht wirklich wichtig sind.

Wer entscheidet, welche Unternehmen Teil des Index sind?

Welche Unternehmen Teil eines Index sind, entscheiden nicht die ETF-Anbieter, sondern wiederum andere Firmen (z.B. MSCI und FTSE). Oft basieren die Indizes auf recht einfachen Regeln, z.B. werden einfach die größten Unternehmen eines jeweiligen Landes/Region oder alle Unternehmen einer bestimmten Branche genommen. Wer mehr über die Indexanbieter und die ETF-Indizes lernen will, kann hier mehr dazu lesen.

Wer mischt noch mit?

Um einen ETF kaufen zu können, brauche ich zunächst ein Depot bei einer Bank bzw. einem Broker (einem auf Wertpapierhandel spezialisierte Bank), z.B. der Deutschen Bank, der Comdirect/Commerzbank, der ING, Scalable, Trade Republic, etc. Das Depot ist dabei nur der Aufbewahrungsort für meine Aktien und ETFs, quasi eine Art digitales Ablagefach oder Tresor, dass die Bank für mich verwaltet. Die meisten Banken sind selbst keine ETF-Anbieter, sondern bieten ETFs von verschiedenen Anbietern (wie Blackrock, Amundi, Vanguard) an.

Ein Regal voller ETFs

Die Broker (z.B. Deutsche Bank) kann man gut mit einem Supermarkt vergleichen: Gehe ich zu REWE, stehen in den Regalen Produkte anderer Hersteller und daneben oft, aber auch nicht immer, REWE-Eigenmarken. Die Index-Anbieter (z.B. MSCI) könnte man in diesem Gleichnis mit Rezept-Entwicklern gleichsetzen, die ihre Zutatenlisten an die verschiedenen Produkthersteller (z.B. Blackrock) verkaufen/lizenzieren. Vielleicht hinkt der Vergleich hier aber dann doch ein bisschen…

Bei ETFs gilt: Gutes muss nicht teuer sein!

Immer weniger Banken bieten selbst ETFs an. Meist bieten sie nur noch die ETFs der Spezialanbieter an. Im Gegensatz zu den Supermarkt-Eigenmarken heißt das aber nicht unbedingt, dass es dadurch teurer wird für den Käufer. Den günstigsten ETF erkennt man an der niedrigsten TER – der Total Expense Ratio. Danach kann man bei ETF-Suchmaschinen wie justetf.com sogar filtern. Dazu kommt noch die Tracking Difference, aber auch das ist ein Detail, um das man sich nicht unbedingt kümmern muss als Anfänger. Als Faustregel gilt: Eine TER unter 0,5% ist für ETFs auf den amerikanischen oder den weltweiten Aktienmarkt ideal. Spezialisierte ETFs können auch ein wenig teurer sein, aber trotzdem sollte die TER für ETFs immer unter 1% liegen.

Zum Vergleich: Viele aktiv gemanagte Fonds verlangen 3% Gebühren pro Jahr, die der Fondsmanager erst einmal durch gute Investments wieder reinholen muss. Wenn dann noch die Inflation dazukommt, dann wird es richtig schwer, das Geld der Kunden langfristig tatsächlich signifikant zu vermehren. Und wenn es die hochbezahlten, professionellen Fondsmanager schon nicht schaffen, langfristig den Markt zu schlagen – warum glauben dann so viele Privatanleger, dass sie es schaffen können?

Es spricht nichts dagegen, neben dem Geld, das man für die langfristige Altersvorsorge investiert, auch einen kleineren Teil jeden Monat in ein „Spaßdepot“ einzuzahlen und Aktien zu seinem Hobby zu machen. Aber es ist absolut nicht notwendig, Spaß am Investment in Einzelaktien und den dafür notwendigen Recherchen zu den verschiedenen Unternehmen zu haben. Wer möglichst schnell durch sein will, muss nur einmalig einen Nachmittag und jedes Jahr vielleicht 30 Minuten investieren, um seine Altersvorsorge auf eine gute Basis zu stellen. Das geht in nur 4 bis 5 Schritten:

  1. Depot bei einer Bank eröffnen (möglichst bei einem Broker ohne Depotführungsgebühren und mit geringen Kaufgebühren bzw. kostenlosen Sparplänen)
  2. Freistellungsauftrag einrichten, um nicht zu viele Steuern zu zahlen (man kann mit Aktien bei einer deutschen Bank nicht zu wenig Steuern zahlen, also an der Stelle keine Sorge!)
  3. ETF aussuchen, z.B. durch Recherche des gewünschten* ETFs mit der günstigsten TER bei justetf.com (* wer es maximal einfach haben will, wählt einen ETF auf den MSCI All Country World Index oder einen ähnlichen wirklich globalen Index, der Industrie- und Schwellenländer abbildet)
  4. Monatlichen Sparplan einrichten auf den gewählten ETF
  5. Ggf. vorhandenes Sparguthaben ebenfalls investieren (wenn bereits mehr Geld auf dem Konto liegt, also für die optimale Höhe des Notgroschens und für kurz- und mittelfristige Ziele notwendig ist)

Worauf wartest du? 🙂

Wenn du Fragen hast, schreib sie gerne in die Kommentare!

2 Replies to “Wie fängt man überhaupt mit dem Investieren an? // Finanzanfängerfragen (Teil 2)”

  1. Hallo,

    konntst Du die Teilnehmer in der Runde denn motivieren?

    Haben die Freunde danach etwas geändert?

    Konnten sie finnazielle Ziele für sich definieren und Methoden finden diese zu erreichen? Wenn ja, welche?

    VG

    1. Leider noch nicht! Mit einem Abend kann man sicherlich das Denken anregen, aber bis zum Tun ist es dann doch noch ein weiterer Weg. Einige kleine Schritte wurden schon unternommen, aber bis zum Aktionär ist es noch ein Schritt.
      Viele Grüße
      Jenni

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