Wie fängt man überhaupt mit Altersvorsorge an? // Finanzanfängerfragen

Lesezeit: 7 Minuten

Ein Freund von mir war neulich auf einem 40. Geburtstag. Er und das Geburtstagskind haben sich darüber unterhalten, dass sie doch schon lange einmal gemeinsam auf ihre Altersvorsorge schauen wollten und dafür jetzt endlich mal einen Termin suchen sollten. Schnell haben sich auch weitere Geburtstagsgäste ins Gespräch eingeschaltet. Auch drei weitere Freundinnen des Geburtstagskinds outeten sich als Finanzanfänger. Frauen bei Ihren Finanzen unterstützen, das passt genau zu meiner Lebensvision. Und so war ihm klar, dass ich gerne als Unterstützung dabei sein würde.

Und so begab es sich, dass er und ich letzten Donnerstagabend zum Grillen bzw. eher einem „Barbecue & Business“ eingeladen wurden. Neben uns beiden bestand die Gruppe aus vier Frauen und zwei Männern, mit unterschiedlichem Finanzwissensstand. Einer hatte aus Spaß am Zocken bei Trade Republic ein Depot angelegt. Das Geburtstagskind immerhin ein Depot mit einem ETF drin, den sie aber dann doch noch nicht ganz durchblickt hatte. Eine Selbstständige und der Rest Angestellte. Zwei der Gäste hatten keinen Online-Banking-Zugang bzw. nutzen diesen nicht. Für mich persönlich fast unvorstellbar 🙂 Alle am Tisch sind in der glücklichen Situation, dass am Monatsende das eigene Konto nicht leer ist, sondern sich über die Jahre doch einiges an Geld angesammelt hatte, das allerdings derzeit größtenteils auf dem Girokonto versauerte. Wir haben eine Menge Themen angesprochen, die sicherlich für viele Finanzanfänger interessant sind. Der Versuch einer Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Links zu weiteren Blogartikeln:

Wie fängt man ein Gespräch über Finanzen an?

Zuerst haben wir über alles mögliche andere gesprochen. Doch als das Grillgut auf den Tisch kam und alle glücklich mampften, sollte es dann doch losgehen mit dem Gespräch über Finanzen. Doch wie fängt man an? Mir persönlich war es wichtig, direkt zum Einstieg klarzustellen, dass Finanzen auch mit negativen Emotionen verbunden sein können. „Geld verdirbt den Charakter“ und „Über Geld spricht man nicht“ sind nur zwei von vielen Glaubenssätzen, die wir schon als Kinder alle gehört haben. Und wenn man mit anderen über seine eigenen Finanzen spricht, kann das schnell Neid auslösen. Neid zu spüren ist normal, aber statt sich in dieses negative Gefühl einzugraben sollte man es lieber in Motivation und Ansporn umzuwandeln versuchen. Was wir heute übereinander herausfinden würden, das sollte ganz wertfrei bleiben und idealerweise keinen Neid auslösen.

Nach diesem Anfangsstatement voller Pathos wollten wir eigentlich damit starten, die eigene Rentenlücke zu bestimmen. Aber wie auch ein aktueller Artikel in der BRIGITTE gerade wieder anschaulich aufzeigt, ist das gar nicht so einfach. Wir hatten den Gästen zwar aufgetragen, ihre Renteninformation mitzubringen, aber nicht alle haben sie auf Anhieb gefunden. Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, dass man beim Sparen und Investieren immer weiß, wofür man es macht. Denn dann fällt sparen leichter und die Volatilität eines Aktieninvestments lässt sich besser aushalten.

Schritt 1: Ziele definieren – gar nicht so leicht

Doch die Frage nach den eigenen Zielen ist nicht nur die erste, sondern sogar fast die schwierigste Frage: Welche kurz- und mittelfristigen Ziele und Wünsche habe ich in den nächsten 15 Jahren? Kaufe ich in den nächsten 5 Jahren vielleicht doch noch ein anderes Haus, da wir doch mehr Kinder bekommen als aktuell geplant? Wann will ich überhaupt in Rente gehen? Welchen Lebensstandard möchte ich eigentlich, wenn ich in Rente gehe?

Zumindest die letzte Frage nach dem Finanzbedarf in der Rente kann man aus meiner Sicht recht gut auf Basis seines aktuellen Finanzbedarfs beantworten. Oft liest man ja als Empfehlung zur Berechnung der eigenen Rentenlücke von einem Bedarf von 70% des letzten Nettogehalts auszugehen. Ich persönlich halte diese Empfehlung für relativ sinnlos. Wer kurz vor der Rente 100% seines Nettogehalts ausgibt, wird auch nach Eintritt in die Rentenphase nicht plötzlich 30% sparsamer leben.

Tatsächlich fallen nur sehr wenige arbeitsspezifische Kostenblöcke (z.B. Pendelkosten, Arbeitskleidung) weg, während andere Kosten mit mehr Freizeit eher ansteigen werden (z.B. Lebensmittel ohne ggf. vorhandene Subventionen in der Kantine). Gerade den letzten Effekt habe ich durch Corona sehr klar in meinem Budget gemerkt. Ich würde als erste grobe Schätzung immer annehmen, dass man als Rentner genauso viel Geld ausgibt wie aktuell (ohne Kinder). Wenn ich heute mit meinem Lebensstandard zufrieden bin, warum sollte ich dann in der Rente mehr oder weniger Geld ausgeben wollen? Natürlich ist diese Frage hochindividuell, aber irgendwo muss man eben anfangen.

Schritt 2: Ausgaben kennen – das Fundament

Einige aus der Gruppe waren sich gar nicht so sicher, wie viel Geld sie aktuell eigentlich überhaupt monatlich ausgeben. In solch einem Fall ist ein Haushaltsbuch vielleicht wirklich ein guter erster Schritt zu mehr Durchblick bei den Finanzen. Ich persönlich finde das Führen eines Haushaltsbuchs ziemlich anstrengend und habe es daher auch noch nie gemacht. Allerdings bezahle ich auch so gut wie alles mit Karte und nicht bar, sodass es für mich recht einfach ist, im Nachhinein meine Ausgaben zu analysieren oder automatisch durch entsprechende Apps kategorisieren zu lassen.

Das habe ich die ersten paar Jahre auf meinem Weg zu FIRE auch tatsächlich einmal im Jahr gemacht, um einen groben Überblick über die Entwicklung zu bekommen. Seit ich mein Ausgabenniveau kenne, gehe ich genau andersherum vor und setze mir einfach zu Jahresanfang ein Sparziel, das automatisch mit monatlichen Sparraten „weggespart“ wird. Pay yourself first funktioniert für mich persönlich wirklich sehr gut. Wer lieber Bargeld nutzt, kann vielleicht auch mit der Umschlagmethode einen ersten Überblick über seine Ausgaben schaffen. Neben den monatlichen Lebenshaltungskosten muss man dann natürlich noch hinzurechnen, was man für Urlaube, Geschenke und andere nicht monatlich auftretenden Ausgaben einplant. Die Differenz zwischen dem Gehalt, das reinkommt, und dem, was man in Summe zum Leben heute braucht, ist das theoretische Sparpotential für die kurz- und mittelfristigen Ziele sowie die langfristige Altersvorsorge. Vorausgesetzt, der Notgroschen ist schon ausreichend vorhanden.

Schritt 3: Notgroschen festlegen – Finanzen sind emotional

Wer noch keinen ausreichend großen Notgroschen hat, sollte seine monatliche Sparrate erst einmal auf den Aufbau des Notgroschens fokussieren. Ich sehe das allerdings nicht so dogmatisch wie viele andere Blogger: Man kann durchaus schon einen kleineren Betrag investieren und gleichzeitig noch seinen Notgroschen ansparen. So gewinnst du bereits Erfahrung an der Börse und bist motivierter, da es an mehreren Fronten vorangeht. Doch wie hoch ist ein ausreichend hoher Notgroschen? Das ist absolut individuell und auch hoch emotional.

Ich persönlich hatte lange Zeit gar keinen richtigen Notgroschen. Meine monatliche Sparrate war damals so hoch, dass ich allein durch Aussetzen der Sparrate sofort genügend Geld zusammengehabt hätte für alle kleinen und großen Notfälle, die ich mir so ausmalen konnte. Es hilft oft, sich wirklich den Worst Case auszumalen und seine Kosten abzuschätzen. Wer ein Auto oder ein Haus hat, braucht in der Regel mehr Geld auf der hohen Kante als Mieter ohne weitere Verpflichtungen. Wie sicher der eigene Job ist, wie teuer Reparaturen und ob es bei einem Totalschaden am Auto auch wieder ein Neuwagen sein muss – das sind alles individuelle Fragen. Daher greift der Standard-Notgroschen-Tipp von „2-3 Gehältern“ aus meiner Sicht auch viel zu kurz. Auf die Frage: „Mit welchem Betrag fühlst du dich sicher und kannst ruhig schlafen?“ bekam ich vom Grillmeister des Abends die halb-scherzhaft-halb-ernste Antwort: „100.000 Euro!“.

Andere am Tisch hatten für sich schon festgelegt, wie hoch ihr Notgroschen sein soll (z.B. 10.000 Euro bei einem der Eigentumswohnungsbesitzer). Ich strebe aktuell einen Notgroschen von ca. 2.000 Euro an, den ich mir dieses Jahr Stück für Stück durch Nicht-Reinvestition meiner Dividenden „anspare“. Ich habe die Summe etwas erhöht, da ich seit letztem Sommer ein Auto habe – und da kann immer mal etwas sein, sodass ich mich mit etwas mehr Notgroschen wohler gefühlt habe.

Die meisten aus unserer Runde wussten intuitiv, dass sie derzeit mehr Geld auf dem Girokonto haben als sie eigentlich als Notgroschen und für mittelfristige Ziele brauchen. Doch das in der Kürze der Zeit auf eine konkrete Summe herunterzubrechen ist nicht einfach. Auf dem Girokonto fühlt sich der Geldbetrag gar nicht schlecht an. Das Guthaben vermittelt ein Gefühl von Sicherheit, denn so kann ich jederzeit an mein Geld kommen. Und dem steht der gefühlt total unsichere Aktienmarkt gegenüber.

Schritt 4: Inflation verstehen – Eis geht immer

Doch die vermeintliche Sicherheit von Kontoguthaben ist ein Trugschluss. Es stimmt erst einmal nur, dass das Geld auf dem Konto sicher weniger wird. Richtig ist, dass das Geld auf einem Girokonto jederzeit verfügbar ist. Aber für hohe Liquidität muss man derzeit sogar teilweise negative Rendite (Kontoführungsgebühren, Verwahrentgelte bzw. Negativzinsen) in Kauf nehmen und immer den Kaufkraftverlust durch die Inflation berücksichtigen. Welchen Effekt Inflation hat, kann man meiner Meinung nach immer gut am Preis für eine Kugel Eis fest machen. Zwar sind die Eispreise in Summe stärker gestiegen als die allgemeine Inflationsrate in Deutschland, aber dafür ist das Beispiel leicht zu verstehen. Während eine Kugel Eis in meiner Kindheit noch eine Mark gekostet hat, war es bei manchen sogar nur 70 Pfennig. Heute sind wir bei zumindest bei mir um die Ecke bei 1,50 Euro pro Kugel, also einer Verdreifachung in weniger als 30 Jahren.

Würde das so weitergehen, wäre das schöne Bankguthaben in 30 Jahren nur noch ein Drittel so viel wert, auch wenn weiterhin die gleichen Zahlen auf dem Kontoauszug stehen. In den letzten Jahren war die Inflation meist deutlich niedriger als die von der EZB angestrebten 2%. Durch Aufholeffekte auf Grund der Corona-Krise liegt die Inflation in Deutschland aktuell (Juni 2021) bei 2,3%. Die US-Amerikaner erleben derzeit eine Inflationsrate von sogar 5,4%. Hohe Inflation ist nicht so unrealistisch wie gedacht. Und ob die Zinsen auf Sparbücher und Girokonten im gleichen Maß mitsteigen werden (wie damals in den 70ern als die Inflation bei 7% lag, man aber 5% Zinsen auf sein Sparbuch bekam) ist im heutigen Wirtschaftsumfeld eher zweifelhaft. Inflation ist also ein echtes Risiko für die Altersvorsorge, wird aber leider stark unterschätzt.

Und nun?

Auch wenn wir im Schweinsgalopp durch eine Menge Themen durchgegangen sind, hatten alle am Tisch jetzt zumindest theoretisch das Rüstzeug für die ersten Schritte in Richtung Investor.

Wie sieht es bei dir aus?

Der Abend war noch jung und alle gut gestärkt vom Essen. Daher haben wir auf dieser Basis weitergemacht und über Aktien, Diversifikation und ETFs gesprochen. Dazu dann nächste Woche mehr.

One Reply to “Wie fängt man überhaupt mit Altersvorsorge an? // Finanzanfängerfragen”

  1. Schön dass du etwas Zeit in finanzielle Bildung investiert hast. Das ist besonders in Deutschland, wo die meisten Menschen in ein Sparbuch ‚investieren‘, besonderes wichtig 😉👍

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.