Mein Weg zu FIRE // Gastbeitrag von Christoph

Lesezeit: 7 Minuten

Wie bereits letzte Woche angekündigt, wurde ich zum einjährigen Jubiläum von Dagoberts Nichte für einen Gastbeitrag verpflichtet. Ich – das ist Christoph, 30, Jennis Freund und normalerweise Lektor dieses Blogs. Aller Proteste zum Trotz war Jenni überzeugt, dass meine Perspektive auf das Thema FIRE ebenfalls von Interesse sein könnte (oder sie wollte einfach mal eine Woche frei), und hier sind wir nun also…

Mein Weg zu FIRE

Wie der geneigte Leser inzwischen wahrscheinlich bereits weiß, ist das Erreichen von FIRE ein gemeinsames Ziel von Jenni und mir, auf das jeder von uns im Rahmen seiner Möglichkeiten hinarbeitet. Das war aber nicht immer so: Für die längste Zeit unseres gemeinsamen Lebens war ich eine dieser Personen, die am Ende des Monats immer pleite ist und nicht so richtig weiß, warum. Wir haben zwar recht früh ein System gefunden, unsere gemeinsamen Kosten aufzuteilen. Darüber hinaus hat aber jeder mit seinem Geld gemacht, was er oder sie wollte. Und das war in meinem Fall leider meistens, es bis auf den letzten Euro auszugeben.

Nicht selten hat das zu Konflikt zwischen uns geführt – ich hatte das Gefühl, Jenni würde ihr Geld vor mir „verstecken“ und mich mit meinen (gefühlten) Geldsorgen allein lassen, während sie den Gedanken wenig reizvoll fand, dass ich nach meinem eigenen nun auch noch ihr sauer verdientes Geld mit beiden Händen aus dem Fenster werfe. Für mich war aber das „Horten“ von Geld als Selbstzweck ein unverständliches Konzept – man könnte doch so viele tolle Dinge davon kaufen oder tun, was nutzt es einem da auf dem Konto oder in einem Depot?

Während einer unserer Diskussionen stellte ich also die Frage „Was willst du denn mit dem ganzen Geld machen?“, worauf Jenni etwas zögerlich erwiderte „Naja, man könnte ja zum Beispiel… früher aufhören zu arbeiten?“. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt war in ihr selbst diese Entscheidung noch nicht vollständig gereift, und auch FIRE als Begriff und Konzept war wahrscheinlich noch nicht wirklich präsent. Aber nachdem ihr Vater bereits in der Situation gewesen war, sich gegen Erwerbsarbeit und für die eigene „Frühverrentung“ zu entscheiden, war der Gedanke ihr im Hinterkopf geblieben.

Sofort fingen auch bei mir im Kopf die Rädchen an zu drehen. Ich kann mich glücklich schätzen, einer der (gefühlt wenigen) Deutschen zu sein, die sich nicht jeden Morgen unglücklich zu einem Job schleppen, den sie eigentlich hassen – meine Arbeit ist abwechslungsreich und überdurchschnittlich bezahlt, meine Kollegen nett und kompetent und mein Arbeitgeber tut einiges, was er nicht tun müsste – aber nichtsdestotrotz würde ich „nicht arbeiten“ selbst dem interessantesten Job vorziehen. War das also tatsächlich möglich, früher aufzuhören zu arbeiten? Wenn ja, was braucht es dafür? Nachdem ich einige Artikel zu dem Thema gelesen und wir einige simple Modellrechnungen aufgestellt hatten, war mein Interesse geweckt:

Symbolbild

Stück für Stück begann der Plan zu reifen – wie lässt sich diese Idee auf meine Situation anpassen, wieviel Geld könnte ich sparen und was ist ein realistisches Rentenalter, sowohl für mich allein als auch für uns beide zusammen?

Es folgten die klassischen nächsten Schritte: Vielkontenmodell, pay-yourself-first, Aktiendepot und ETF-Sparplan. Darüber wurde sowohl auf diesem Blog als auch an anderer Stelle aber bereits zur Genüge geschrieben, daher würde ich eher noch weiter auf unsere persönlichen Gegebenheiten eingehen, sowohl interner als auch externer Natur.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Auf den ersten Blick haben Jenni und ich vieles gemeinsam: Wir haben an der gleichen Schule Abitur gemacht, an der gleichen Uni VWL studiert, waren beide eine Zeit lang Unternehmensberater und arbeiten jetzt in der Finanzindustrie. Klingt erstmal ziemlich vergleichbar, oder?

Einkommen

Auf dieser Detailebene schon – das lässt aber außer acht, dass Jennis Abiturnote besser war als meine, sie einen VWL-Master statt wie ich „nur“ einen VWL-Bachelor hat, in einer angeseheneren Unternehmensberatung gearbeitet hat als ich und jetzt einen verantwortungsvolleren Job hat als ich. Als Resultat dieser Faktoren verdient sie jetzt erheblich mehr Geld. Ich will mich dabei nicht beschweren – ich kann mir mit meinem Gehalt auch noch ein sehr schönes Leben zusätzlich zu einer großzügigen Sparrate leisten. Nichtsdestotrotz ist der Unterschied aber gerade für die Höhe der Sparrate natürlich sehr relevant. Lasst es mich anhand eines einfachen Beispiels verdeutlichen:

Person A und Person B leben in einem gemeinsamen Haushalt. Der Einfachheit halber teilen sie alle gemeinsamen Kosten 50/50 und haben gleiche individuelle Kosten (Hobbys, Kleidung, etc.).

Person A verdient 2000€ netto, Person B 3000€. Beide geben jeden Monat 1000€ aus (gemeinsame Kosten + individuelle Kosten). Somit kann Person A 1000€ sparen, Person B aber 2000€ – obwohl Person B „nur“ 50% mehr verdient, kann sie doppelt so viel sparen. Wenn Person B 4000€ netto verdient, kann sie dreimal so viel sparen wie Person A, obwohl ihr Gehalt „nur“ doppelt so hoch ist etc.

Wenn beide Gehälter linear ansteigen und die Kostenbasis gleich bleibt, wird dieser Unterschied immer geringer – aber leider tun Gehälter das nicht, zumindest nicht in einem Tempo, das den Unterschied in näherer Zukunft irrelevant werden lässt.

Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, teilen wir beide unsere Kosten anders als im Beispiel nicht 50/50, sondern anteilig; aber trotzdem werden unsere Sparraten noch auf absehbare Zeit sehr unterschiedlich sein, und davon darf ich mich nicht entmutigen lassen.

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Einstellung zum Investieren

Im Gegensatz zu Jenni habe ich von meinen Eltern kein Wissen über Aktieninvestments oder gar bereits ein Depot mitbekommen. Meine Eltern sind in dieser Hinsicht dann doch eher traditionell veranlagt (oder sollte ich „deutsch“ sagen?): Börse ist reine Spekulation, kauf dir doch lieber ein Haus, das ist wenigstens was ordentliches! Bis heute ist mein Vater verhalten skeptisch, wenn ich ihm von unseren Plänen erzähle – zu tief sitzt bei ihm wie bei vielen anderen die Angst vor einem Börsencrash mit vermeintlichem Totalverlust. Ich persönlich hatte das Glück, mit Jenni jemanden zu haben, der mir bereits viel über Börse, Finanzpsychologie und verschiedene Anlagemöglichkeiten erklären konnte.

Da aber FIRE zumindest in Deutschland ein doch noch eher unbekanntes Nischenthema ist, können diese Umstände – ob und wie früh jemand überhaupt auf das Konzept von FIRE trifft und sich dafür entscheiden kann – großen Einfluss auf den Erfolg dieses Plans haben. Aufgrund der massiven Auswirkungen des Zinseszinseffekts zählt aber jedes Jahr: Wer ein Jahr früher mit dem Investieren beginnt, kann unter Umständen erheblich mehr als ein Jahr früher aufhören zu arbeiten. Gerade daher sind Initiativen zur finanziellen Bildung so wichtig – sowohl institutionalisiert, z.B. an Schulen, als auch privat, z.B. in Form von Blogs wie diesem.

Ich persönlich habe in den letzten Jahren bewusst versucht, auch in meinem Freundeskreis mehr über Geld zu sprechen. Dabei war mein Ziel nicht zwingend, Leute von FIRE zu überzeugen oder anderweitig zu missionieren, sondern eher das Aufzeigen von Möglichkeiten, Risiken, realistischen Zielen oder Reflektion des eigenen Ausgabeverhaltens.

Wobei wir auch schon beim dritten wichtigen Unterschied zwischen Jenni und mir angekommen wären…

Ausgabeverhalten

Symbolbild

Wie bereits eingangs erwähnt, war ich lange Zeit einer von diesen Leuten, bei denen am Ende des Geldes immer noch einiges an Monat übrig war. Ich persönlich hätte als Grund eine solide Wertschätzung für die schönen Dinge des Lebens genannt – Jenni wahrscheinlich eher ungezügeltes Konsumverhalten. Die Wahrheit liegt wie so oft wohl irgendwo in der Mitte. Nichtsdestotrotz fühlte sich Sparen für mich dadurch viel eher wie Verzicht an als für Jenni, deren Genügsamkeit mir fast schon etwas unheimlich ist.

In mancherlei Hinsicht ist es mir sehr gut gelungen, mein Konsumverhalten bewusst zu ändern, z.B. bei Kleidung – ich kaufe jetzt erheblich weniger Kleidung als noch vor einigen Jahren, achte mehr auf Qualität als auf Marken und vor allem darauf, ob ich das betreffende Kleidungsstück auch tatsächlich häufig tragen werde. Inzwischen kaufe ich lieber klassische, vielseitige Kleidung als ausgefallene fashion statements, die man dann letzten Endes doch nie trägt, weil die richtige Situation einfach nicht kommt.

Leider kein Symbolbild

An anderen Stellen fällt mir die Balance zwischen Sparen und Verzicht aber weiterhin deutlich schwerer. Ich trinke leidenschaftlich gern Whisky, der sowohl per Definition irgendwann ausgetrunken ist und damit 100% Wertverlust erleidet, als auch eine komplett unnötige Ausgabe ohne praktischen Nutzen ist. Einerseits will ich dieses lieb gewonnene Hobby nicht aufgeben, andererseits ist es zunehmend schwierig, die damit verbundenen Ausgaben zu rechtfertigen, wenn ich das Geld auch investieren könnte um damit meinem langfristigen Ziel – FIRE – ein Stück näher zu kommen.

Und selbst wenn man sich für eine neue Flasche entscheidet – es gibt guten Whisky auch für unter 50€, muss es dann wirklich die Flasche für 70€ sein? Oder für 100€? Obwohl ich dank pay-yourself-first und verschiedenen Konten ein designiertes Budget nur für Konsumausgaben habe und mich daher auch mit dem teureren Whisky nicht schlecht fühlen sollte, kann ich solche Gedanken nicht ganz ausblenden. Gerade mit Hinblick auf Jennis hohe Sparrate habe ich häufig das Gefühl, noch mehr sparen zu müssen und hadere oft mit meiner Entscheidung.

Symbolbild

Ich muss zugeben, dass ich auf viele Fragen noch keine hundertprozentige Antwort gefunden habe. Das Abwägen von Sparen und Verzicht ist für mich ein andauernder Kampf mit mir selbst, bei dem noch keine Seite als klarer Sieger hervorgegangen ist. In jedem Fall aber ist mein Ausgabeverhalten sehr viel bewusster geworden, seit ich FIRE als übergeordnetes Ziel verfolge, und das ist in jedem Fall eine gute Sache, egal wie man sich dann im Einzelfall entscheidet. In diesem Sinne hat also FIRE nicht nur meine finanzielle Situation verbessert, sondern mir auch geholfen, mich als Person weiterzuentwickeln und unliebsame Gewohnheiten loszuwerden, was für mich schon ein großer Erfolg ist – selbst wenn ich es letztendlich nicht schaffen sollte, früher in Rente zu gehen.

Wie war dein Weg zu FIRE? Bist du auch über Freunde darauf aufmerksam geworden, war es ein Zeitungsartikel in einer „Mainstream“-Publikation oder ein Blog wie diesem? Wie radikal verfolgst du das Ziel FIRE, und welche Hobbys warst du dafür bereit aufzugeben oder einzuschränken? Bei welchen steht das völlig außer Frage? Ich freue mich auf Kommentare!

One Reply to “Mein Weg zu FIRE // Gastbeitrag von Christoph”

  1. Köstlich! …und tiefgründig, Christoph!

    Rational ist das alles klug und richtig, das Leben besteht aber nicht nur aus Ratio! Was nützt dir ein früherer Renteneintritt, wenn du (den langen Weg bis dahin) nicht auch ordentlich gelebt hast?

    Es ist zwar bewundernswert, wie ihr beide hier konsequent ein Ziel vor Augen habt, die darin verankerte Philosophie ist aber nicht zu Ende gedacht. Wenn ihr am Ende eurer Tage zwar stolz darauf zurückblickt, frühestmöglich in den arbeitsfreien Teil des Lebens eingetreten zu sein, dafür aber „nicht ausreichend gelebt“ habt, ist eigentlich auch nichts erreicht.

    So gesehen kann Jenni auch noch einiges von dir lernen!! Zum Beispiel, was es bedeutet, einer Passion zu fröhnen (und überhaupt eine zu haben). Was ein absoluter Fehler wäre, wenn du deine Whisky-Leidenschaft über Gebühr einschränkst, nur um noch 17 Tage früher vermeintlich unabhängig zu sein.

    By the way: Es gibt da noch eine ganz andere Dimension, die es zu berücksichtigen gilt. Nämlich die Frage, was mit der so gewonnenen Zeit sinnvoll anfangen? Auch wenn man mit relativ jungen Jahren glaubt, ein Leben ohne jedwede Arbeit sei uneingeschränkt erstrebenswert und problemlos umsetzbar, dem ist nicht so! Das will gut geplant und durchdacht sein.

    Eine sich erst über viele Lebensjahre einstellende Erkenntnis ist der Fakt, dass das „Hier und Jetzt“ einen eigenen Wert darstellt. Insofern würde ich dafür plädieren, auf eurem FIRE-Weg bewußt den Genuss einzuplanen und – ohne jedes schlechte Gewissen – zu genießen.

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