Investierst du nachhaltig? // Nachhaltige Investments

Lesezeit: 7 Minuten

Nachhaltigkeit ist mir persönlich sehr wichtig. Ich habe schon lange Öko-Strom und achte darauf, nur Bio-Fleisch und Bio-Käse zu kaufen. 2019 habe ich im Badezimmer und im Putzschrank aufgeräumt und habe alle Produkte mit Mikroplastik oder Palmöl durch ökologischere Alternativen ersetzt. Doch wie sieht es in meinem Depot aus?

Was sind nachhaltige Investments überhaupt?

Um zu definieren, was nachhaltige Investments sind, muss man zunächst festlegen, was „Nachhaltigkeit“ überhaupt ist. Da fängt es schon an: Der eine versteht unter diesem Begriff eher die grünen Öko-Aspekte bzw. Umweltschutz, während andere bei Nachhaltigkeit auf ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit schauen. Beliebt ist auch die Definition von Nachhaltigkeit entlang der sogenannten ESG-Kriterien: Ecological, Social and Governance, wobei der letzte Begriff „gute Unternehmensführung“ bedeutet.

Nachhaltige Fonds und ETFs

Nach diesen ESG-Kriterien sind auch die meisten nachhaltige Fonds und ETFs zusammengestellt. Dabei wird oft der sogenannte „Best-in-class“ Ansatz gewählt. Das bedeutet, dass aus jeder Branche (z.B. Finanzen, Konsumgüter, Automobilhersteller, Öl- und Gasförderung, etc.) jeweils die Unternehmen in den Fonds aufgenommen werden, die innerhalb ihrer Vergleichsgruppe/Branche am besten dastehen in Bezug auf die ESG-Kriterien. Im Umkehrschluss bedeutet das aber natürlich auch, dass Fonds mit diesem Ansatz eine Menge Aktien von Unternehmen enthalten, die noch einen sehr weiten Weg vor sich haben in Sachen Nachhaltigkeit. Die Unternehmen in diesen Fonds überraschen dann doch. Im iShares Dow Jones Global Sustainability Screened (WKN: A1H7ZT) sind die vier größten Positionen Microsoft, Nestlé, Bank of America und Visa. Nicht die ersten Namen, auf die man gekommen wäre bei der Frage nach besonders nachhaltigen Unternehmen, oder?

Was ist denn dann bitte nicht enthalten?

Wer denkt beim Begriff Nachhaltigkeit an einarmige Banditen?

Die Beschreibung dieses ETFs zeigt genauer, was enthalten ist und was nicht: „ex Alcohol, Tobacco, Gambling, Armaments & Firearms and Adult Entertainment“. Unternehmen, die mit Alkohol, Tabak, Glücksspiel, Waffen und Pornos zu tun haben, sind also ausgeschlossen. Damit fällt z.B. auch ein erst einmal harmlos wirkendes Unternehmen wie LVMH, das ich selbst im Depot habe, die Konzernmutter hinter der Marke Louis Vuitton, heraus. Denn LMVH vertreibt auch Alkohol, u.a. den Champagner Moet und den Cognac Hennessy. Aber hat das alles etwas mit Nachhaltigkeit zu tun?

Drum prüfe, wer sich…nachhaltige ETFs kauft

Fonds oder ETF mit den Begriffen sustainable (nachhaltig), socially responsible (soziale Verantwortung) oder Klima-/Umweltschutz (climate/environment) gibt es zwar viele, denn auch die Vermögensverwalter haben verstanden, dass Nachhaltigkeit im Trend ist. Vor dem Kauf ist es aber wichtig, dass man sich genau durchliest, nach welchen Kriterien die Unternehmen im Index ausgewählt werden und welche Unternehmen aktuell im Index enthalten sind. Passt das zu deiner Definition von Nachhaltigkeit?

Wer sich für nachhaltige Investments mit dem Schwerpunkt Ethik interessiert, kann auch mal nach religiösen Anlagen suchen, z.B. „katholische Fonds“ oder „islamisches Banking“

Was bringen nachhaltige Investments eigentlich?

Wenn im Internet nach Empfehlungen für nachhaltige ETFs gefragt wird, liest man meist folgende oder ähnliche Begründungen: „Ich möchte keine Unternehmen unterstützen, die nicht nachhaltig sind“ oder „Ich möchte lieber nachhaltige Unternehmen unterstützen“. Das ist natürlich ein gutes Ziel. Aber wie genau unterstützt ein Aktionär „sein“ Unternehmen überhaupt? Da haben einige Finanz-Neulinge manchmal noch etwas zu romantische Vorstellungen.

Als Aktionär ist man einer der (vielen) Eigentümer des Unternehmens. Man darf daher auf der Hauptversammlung des Unternehmens mitbestimmen über den weiteren Kurs, Gegenanträge zu den Anträgen des Vorstands stellen und dem Vorstand Fragen stellen, die dieser beantworten muss. Wer 20% aller Aktien eines Unternehmen besitzt, darf sogar eigene Tagesordnungspunkte für die Hauptversammlung anmelden bzw. eine außerordentliche Hauptversammlung verlangen. Da wird man als einzelner Privatanleger natürlich nicht hinkommen. Je nach Thema und Aktionärsstruktur können sich viele verschiedene Aktionäre aber natürlich auch zusammentun, um ihren Willen durchzusetzen.

Kritische Aktionäre

Diese ganzen Aktionärsrechte können in Bezug auf Nachhaltigkeit interessant werden, wenn man sie „gegen“ ein Unternehmen verwendet. So haben z.B. Aktivisten von Fridays for Future im Mai 2019 auf den Hauptversammlungen von von RWE, VW, Uniper und Allianz Reden gehalten, in denen sie die Unternehmen aufforderten, ihr Engagement für den Klimaschutz zu verstärken. Wer sich nicht selbst engagieren bzw. auf der Hauptversammlung Reden schwingen möchte, kann seine Stimmrechte auch per Vollmacht übertragen, z.B. an den Dachverband kritische Aktionäre, die auch die FFF-Auftritte auf den Hauptversammlungen organisiert hatten.

Wie kann ich nachhaltige Unternehmen durch mein Investment unterstützen?

Vielleicht möchtest du dich lieber mit Positivbeispielen beschäftigen, statt Kritik an den Negativbeispielen zu üben. Aus meiner Sicht ist der Aktienkauf allerdings nur ein sehr indirekter Weg, deine Lieblingsunternehmen zu unterstützen. Denn davon, dass du die Aktie (jemand anderem) abkaufst, hat das Unternehmen erst einmal wenig. Geld fließt dem Unternehmen nur bei der erstmaligen Ausgabe von neuen Aktien, dem sogenannten Initial Public Offering (IPO) zu. Die ersten Aktionäre tauschen Geld gegen Stimmrechte. Alle weiteren Aktienkäufe und -verkäufe finden zwischen anderen Parteien im Markt statt – das Unternehmen selbst hat damit nichts zu tun (außer es kauft seine eigenen Aktien zurück, was auch häufiger vorkommt).

Wenn du eine Aktie an der Börse kaufen möchtest, sendest du mit deinem Kaufangebot das Signal, dass du das Unternehmen wertvoller findest als es aktuell bewertet ist. Daher steigt der Kurs. Vereinfacht gesagt, ist der aktuelle Kurs immer der Preis, zu dem sich zuletzt ein Käufer und Verkäufer einigen konnten, diese Aktie zu handeln.

Steigende Kurse sind gut für das Unternehmen…zumindest ein bisschen

Steigende Kurse sind gut für Aktionäre und Unternehmen

Von steigenden Kursen der eigenen Aktien kann sich das Unternehmen im wahrsten Sinne des Wortes nichts kaufen, aber positiv ist dieses Signal natürlich schon: Lieferanten, Kunden und vor allen Dingen auch die potentiellen Kreditgeber des Unternehmens können den Aktienkurs in ihre Entscheidung einbeziehen, ob sie dem betroffenen Unternehmen auch in Zukunft vertrauen. Das Management bzw. die Mitarbeiter fühlen sich durch steigende Aktienkurse in ihren Entscheidungen bestätigt. Und Journalisten und die Öffentlichkeit betrachten Unternehmen mit steigenden Aktienkursen positiver. Das alles kann sich wiederum positiv auf das Unternehmenswachstum bzw. die Unternehmensziele auswirken. Möchtest du also ein nachhaltiges Unternehmen unterstützen, ist es nicht verkehrt, dessen Aktionär zu werden. Der positive Effekt ist allerdings klein und eher indirekt – das sollte dir bewusst sein.

Wer ein Unternehmen direkt finanziell unterstützen möchte, der kann dies beim IPO tun, denn der quasi „erste Aktienkurs“ bestimmt sich auch aus der Nachfrage nach den Aktien. Das Geld aus dem IPO fließt direkt dem Unternehmen zu. Jetzt ist es natürlich so, dass so ein IPO, wie der Name schon sagt, nur einmal – initial – stattfindet. Möchtest du dich an der Finanzierung von einem Unternehmen auch nach dem IPO direkt beteiligen, solltest du recherchieren, ob das Unternehmen gerade Anleihen herausgibt. Im Gegensatz zum einmaligen IPO geben Unternehmen immer wieder Anleihen, also Schuldscheine, heraus. Du wirst dann zum Kreditgeber (aber nicht zum Eigentümer) und erhältst Zinsen und zu einem festgelegten Zeitpunkt den Kreditbetrag wieder zurück. Ein aktuelles Beispiel ist hier das Unternehmen Veganz, einem Hersteller von veganen Supermarktprodukten, die gerade eine 5-jährige Anleihe mit 7,5% Zinsen pro Jahr herausgeben wollen.

Gibt es noch Alternativen?

Wer lieber Aktionär bleiben will statt Kreditgeber zu werden, aber keine ETFs oder Fonds findet, die den eigenen Nachhaltigkeitsansprüchen genügen, kann sich durch das Investment in Einzelaktien seinen eigenen Mix zusammenstellen. Um eine gute Risikostreuung / Diversifikation hinzubekommen, solltest du jeweils nur einen kleinen Teil deines Vermögens in die Aktien eines einzelnen Unternehmens investieren. Das kann schnell komplex und teuer werden, denn jeder einzelne Kauf kostet wieder Kaufgebühren. Dafür gibt es bei Einzelaktien keine jährlichen Verwaltungskosten wie bei ETFs und Fonds. Behalte also die Kosten im Blick, wenn du dir dein eigenes nachhaltiges Portfolio aus Einzelaktien zusammenstellen möchtest. Einzelaktien sind leider etwas aufwändiger als ETFs, da man sich nicht nur einmal für ein Produkt, sondern für viele verschiedene Unternehmen entscheiden muss. Dafür hat man hier volle Kontrolle, in welche Unternehmen man investiert und in welchen eben nicht.

Das Risiko immer im Blick behalten

Eine breite Risikostreuung ist bei nachhaltigen Investments besonders wichtig. Wenn du begeisterter Solar-Fan bist und dir deswegen lauter Aktien von Solaranlagenbauern kaufst, ist das Risiko eines hohen Verlusts deutlich größer als bei einem „normalen“ Investment, z.B. in den amerikanischen S&P 500 Index. Dies ist bei stark auf eine Branche spezialisierten ETFs, die im Moment stark wachsen, genauso. Je ähnlicher sich die Unternehmen in einem Korb aus Aktien sind, desto höher ist das Risiko, dass es allen gleichzeitig schlecht geht.

Andersherum werden diese spezialisierten ETFs, die auch Trend-ETFs genannt werden und z.B. auf Esports, Blockchain oder Elektromobilität setzen, von Anlegern bewusst genutzt, um auf ein bestimmtes Thema bzw. einen Trend zu setzen und davon zu profitieren. Einige der stark spezialisierten Trend-ETFs enthalten allerdings nur sehr wenige Werte, manchmal weniger als 10. Da kann man wirklich nicht mehr von einem breiten Investment „in den Markt“ sprechen, wofür ETFs eigentlich für die meisten Anleger stehen. Auch hier gilt also: Genau hinsehen!

Entmutigt? Hoffentlich nicht!

Wenn für dich Nachhaltigkeit auch bei den Finanzen sehr wichtig ist, fühlst du dich bei spezialisierten Nachhaltigkeitsbanken wie GLS, Triodos oder der Umweltbank vielleicht gut aufgehoben. Diese Banken versprechen ihren Kunden, dass mit ihrem Geld nur sinnvolle und nachhaltige Projekte finanziert werden. Die Rendite steht dabei nicht an erster Stelle. Als junges Startup ist auch gerade tomorrow mit dem Versprechen gestartet, eine nachhaltige Bank zu werden.

An der Börse gibt es inzwischen ein breites Angebot an nachhaltigen Investments. Doch oft steckt nicht das drin, was man erwarten würde beim Label „Nachhaltigkeit“. Genau hinschauen und recherchieren und zur Not „selber machen“ ist hier der Königsweg, wenn Nachhaltigkeit im Portfolio eine Rolle spielen soll. Die Kosten und die Diversifikation sollten nicht zu stark leiden.

Meine Meinung zu nachhaltigen Investments

Leider wächst Geld nicht auf Bäumen

Ich persönlich konzentriere mich beim Thema Nachhaltigkeit auf den Konsum. Ich kaufe die Produkte von Unternehmen die ich unterstützen möchte und vermeide die Produkte, die mir nicht nachhaltig genug sind. Denn das Geld, das ich ausgebe, kommt direkt beim Unternehmen an. Der Unternehmenserfolg hängt davon ab, dass Kunden die Produkte und Dienstleistungen nutzen und bezahlen. Das ist ein viel direkterer und stärkerer Einfluss, als ich ihn als Kleinaktionär haben kann.

Gleichzeitig beobachte ich genau, welche neuen Indizes, ETFs und Fonds es am Markt gibt – da tut sich im Moment eine ganze Menge. Sobald es Angebote gibt, die für mich die optimale Mischung aus Rendite/Kosten, Risiko, Aufwand und Nachhaltigkeit darstellen, werde ich zuschlagen. Bis dahin habe ich allerdings nur einen sehr kleinen Teil meines Vermögens in unterschiedlich nachhaltige Investments gesteckt.

Wie wichtig ist dir das Thema Nachhaltigkeit beim Investieren? Besitzt du bereits nachhaltige ETFs? Wie hast du diese ausgewählt? Oder unterstützt du nachhaltige Unternehmen auf anderen Weise?

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